Viktor von Weizsäcker Gesellschaft 

Band 8 :
Soziale Krankheit und soziale Gesundung. Soziale Medizin

Bearbeitet von Dieter Janz, Walter Schindler unter Mitwirkung von Peter Achilles, Mechthilde Kütemeyer und Wilhelm Rimpau (1986, 328 Seiten)

Die in Band 8 der Gesammelten Schriften zusammengestellten Arbeiten Viktor von Weizsäckers sind dem Problemfeld der sozialen Krankheit und damit dem Aufgabenbereich einer sozialen Medizin zugeordnet. Schon der Begriff „soziale Krankheit“ widersprach – und widerspricht noch immer – dem Selbstverständnis der etablierten naturwissenschaftlichen Medizin: „Was haben Wirtschaft und Politik, was hat die Sozietät mit den Gegenständen der Pathologie zu tun?“ Daß diese Frage keine rhetorische ist, demonstriert Weizsäcker an der Situation der ärztlichen Gutachtertätigkeit.
Der Arzt, der als Gutachter die geminderte Arbeitsfähigkeit bzw. die Arbeitsunfähigkeit eines Unfallkranken beurteilt und damit die Ansprüche des Kranken an die Sozial- bzw. Rentenversicherung begutachtet, trifft eine soziale Entscheidung. Der Arzt ist als Gutachter gezwungen, aus der Pathologie diese soziale Entscheidung zu begründen. Weizsäckers These ist: es gibt kein System der Pathologie, durch welches die Arbeits- und Existenzfähigkeit eines Menschen befriedigend klar zu erkennen wäre. Derselbe körperliche Zustand kann sich bei verschiedenen Arten der Arbeit ganz unterschiedlich auswirken. Es gibt keine „theoretische“ Arbeitsfähigkeit für einen „allgemeinen Arbeitsmarkt“, sondern die praktische Arbeitsfähigkeit für verschiedene Arten von Arbeit. Die praktische Leistungsminderung ist daher auch nur für eine bestimmte Arbeit feststellbar. Der Widerspruch zwischen der klinischen Pathologie des Defektes, aus der über die Arbeitsfähigkeit des Kranken geurteilt wird, und der Ökonomie der Arbeitsfähigkeit auf einem allgemeinen Arbeitsmarkt wird in der biographischen Situation des Kranken konkret, denn er erleidet nicht nur seine Krankheit, sondern er leidet gerade auch an den psychologischen, sozialen und ökonomischen Folgen seiner Insuffizienz. Für den Arzt wird dieser Widerspruch an dem Kranken erfahrbar, der um seinen Rechtsanspruch auf Rente kämpft und in diesen Kampf um sein Recht eine spezifische Neurose entwickelt.