Viktor von Weizsäcker Gesellschaft 

Band 4 :
Der Gestaltkreis. Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen

Bearbeitet von Dieter Janz, Wilhelm Rimpau, Walter Schindler unter Mitwirkung von Peter Achilles und Mechthilde Kütemeyer (1997, 680 Seiten)

Band 4 der Gesammelten Schriften Viktor von Weizsäckers enthält sein bekanntestes, in mehrere Sprachen übersetztes Werk „Der Gestaltkreis“ sowie Aufsätze und Vorträge, die als direkte Vorarbeiten, Vertiefungen oder Ergänzungen der „Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen“ anzusehen sind. Diese Beiträge aus den Jahren 1931 bis 1948 haben ihren jeweiligen Schwerpunkt teils im experimentellen, teils im theoretischen bzw. im philosophischen Bereich und spiegeln so die Spannweite des Hauptwerkes, das 1940 erstmals veröffentlicht wurde. Bereits die sinnesphysiologischen Experimente, die der Gestaltkreis-Theorie zugrunde liegen, verdeutlichen in ihrer Eigenart Weizsäckers Anliegen: sie verbinden klassisch objektivierende Verfahren mit der wissenschaftlichen Anerkennung von Erlebnisqualitäten. Das Wahrnehmungsgeschehen – und im weiteren jeder „biologische Akt“ – läßt sich nur erforschen, wenn man seine biologische Eigentümlichkeit, nämlich Akt eines erlebenden „Subjektes“ zu sein, in der Forschung methodisch berücksichtigt und sich den Konsequenzen für die Theoriebildung stellt. Deren in diesem Band zur Sprache kommende Vielfalt beeindruckt: sie reicht von Neuorientierungen in der Physiologie („Leistungs-“ statt „Leitungsprinzip“) über die Emanzipation der biologischen Struktur der „Zeit“ von der physikalischen bis hin zu der erkenntnistheoretischen Festlegung, der „Indeterminismus“ sei konstitutiv für die biologischen Akte, ebenso wie für die Wissenschaft, die sie untersucht, die Biologie.
Insofern stellt sich der „Gestaltkreis“ als biologisches und metabiologisches Modell zugleich dar. Weizsäckers Auseinandersetzung mit dem älteren „Funktionskreis“- Modell Jakob von Uexkülls rückt die frappierende Modernität des „Gestaltkreises“ in den Blick: die von Uexküll geforderte „Einführung des Subjekts“ in die Biologie ist notwendig verbunden mit der Einführung der Subjektgebundenheit des Erkennens. Hier zeigt sich der „Gestaltkreis“ nicht nur als methodischer und theoretischer Kern des Weizsäckerschen Werkes, der wesentlich die Ausformung der „Medizinischen Anthropologie“ bestimmt hat, sondern auch als früher Meilenstein in der großen, bis heute nicht abgeschlossenen Auseinandersetzung um die Rückbindung der wissenschaftlichen Erkenntnis an die Erkennenden: „Es gibt also gar keine Möglichkeit, die psychisch erlebte Gegebenheit zu eliminieren, und auch keine, die objektive Deutung auf etwas anderes als auf sie zu begründen. Der Traum der unabhängig vom erlebnisfähigen menschlichen Subjekt darstellbaren Erkenntnis ist ausgeträumt."