Viktor von Weizsäcker Gesellschaft 

Band 3 :
Wahrnehmen und Bewegen. Die Tätigkeit des Nervensystems

Bearbeitet von Dieter Janz, Wilhelm Rimpau unter Mitwirkung von Peter Achilles, Baziel van Engelen, Mechthilde Kütemeyer und Walter Schindler (1990, 850 Seiten)

Band 3 der Gesammelten Schriften vereinigt – bis auf den „Gestaltkreis“ und die Arbeiten um den Gestaltkreis – Weizsäckers wesentlichste neurologische Schriften. Den größten Raum nehmen Untersuchungen ein, mit denen er den Plan seines Lehrers Ludolf von Krehl, „die Behandlung innerer Krankheiten nach den Grundsätzen der pathologischen Physiologie“ zu gestalten, auf die Neurologie zu übertragen versuchte. Schon in den ersten Arbeiten erfährt er das Problematische und Widerspruchsvolle einer exakt physiologischen Interpretation zentralnervöser Leistungen, besonders aber der Willkürbewegungen und der Sinnestätigkeit. Konsequent durchgeführte und zu Ende gedachte Funktionsanalysen der Abbauformen von Sensibilität und Motilität an Kranken führten zu einer radikalen Kritik und einer Revision von Grundbegriffen der klassischen Physiologie und Pathologie. Mit der Entdeckung des Funktionswandels am Beispiel der „Veränderlichkeit der Drucksinnschwelle unter den Händen des Untersuchers“, den er später auch auf anderen Sinnesgebieten nachweisen konnte, war die klassische Annahme einer Konstanz zwischen Reiz und Reaktion erschüttert. Ähnlich unbrauchbar für das Verständnis von nervösen Leistungen und biologischen Akten wie etwa das Sehen, das Gehen, die Sprache erwies sich die Lehre der älteren Physiologie, die sich das Ganze aus Teilen, die Tätigkeit des Nervensystems aus Elementarfunktionen zusammensetzbar dachte.
Durch gründliche Beobachtungen, messende Untersuchungen an Gesunden und Kranken und mit Hilfe einfacher Experimente kommt er zu einer Zusammenhangslehre nervöser Leistungen, die von modernen neurobiologischen Vorstellungen nicht überholt ist.