Viktor von Weizsäcker Gesellschaft 

Menschwerden in Beziehung
(Stefan Emondts)

Diese Untersuchung widmet sich dem Werk des Arztes Viktor von Weizsäcker. Ihr Ziel ist es, dieses auf seine fundierende Anthropologie hin aufzuschließen. Veröffentlichtes sowie bislang noch unveröffentlichtes Schrifttum wird systematisch auf seinen anthropologisch relevanten Gehalt hin untersucht. Die systematisch gewonnenen anthropologischen „Kategorien“ Weizsäckers werden jeweils aus seinem Gespräch mit zeitgenössischen Medizinern und Philosophen geklärt. Dadurch tritt sowohl die Entwicklung Weizsäckers als auch sein genuiner Beitrag zu einer philosophischen Anthropologie zutage.
Im ersten Teil werden die Bestimmung des „Pathischen“ als Grundbestimmung des Mensch-lichen sowie weitere Schlüsselbegriffe (Nichtsein, Krisis, Logophanie, Eidologie, Geschöpflichkeit) geklärt, indem Weizsäckers Rezeption Freuds, Heideggers, Schelers, Rosenzweigs und Schellings untersucht wird. Der zweite Teil zeigt, wie Weizsäcker in der Auseinandersetzung mit dem Physiologen und Neukantianer von Kries einerseits und aus ärztlicher Erfahrung andererseits ein Zeitverständnis gewinnt, das dem Heideggers und Bergsons nahe steht. In diesem Kontext erfährt auch der Terminus „Gestalt“ seine Klärung. Der dritte Teil untersucht, inwiefern Menschsein bei Weizsäcker als Vermittlung zwischen Leben und Tod zu begreifen ist. Dazu wird Rosenzweigs Unterscheidung von geschaffenem und erlösendem Tod herangezogen. Der vierte Teil würdigt Weizsäckers Überwindung der Leib-Seele-Dichotomie in der abend-ländischen Tradition (Platon, Augustinus, Descartes, Leibniz, Fechner, Freud) im Gedanken des Leibgeschehens, und der fünfte Teil bestimmt Intersubjektivität bei Weizsäcker als Re-flexion des Arzt-Patienten-Verhältnisses. Bezugspunkt ist die Dialogik Bubers, kritischer Horizont die Lévinassche Phänomenologie des Anderen.
Ausblickend wird Weizsäckers Frage nach einer neuen „natürlichen Theologie“ ausgezogen auf den Grundriss eines interdisziplinären Gespräches von Naturwissenschaft bzw. Medizin und Theologie.