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12. - 14. Oktober 2017

Lutherstadt Wittenberg


Tagung der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft

Die Teilhabe des Todes am Leben

in Verbindung mit der Neurologischen Klinik
und der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Vorbereitende Überlegungen
zum Verhältnis von Medizinischer und reformatorischer Anthropologie

Vorbereitende Überlegungen
zum Verhältnis von Medizinischer und reformatorischer Anthropologie

Tagung der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft
in Verbindung mit der Theologischen Fakultät und der Neurologischen Klinik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vom 12. bis 14. Oktober 2017
in der Stiftung Leucorea in Lutherstadt-Wittenberg

Der Heidelberger Neurologe Viktor von Weizsäcker (1886-1957) gilt weithin als ein maßgeblicher Mitbegründer der Psychosomatischen Medizin in Deutschland. Ideengeschichtlich bedeutsamer indes ist sein Entwurf der Medizinischen Anthropologie, der sich nicht darin erschöpft, die moderne Medizin durch eine weitere Teildisziplin zu ergänzen. Die sachgemäße Rezeption dieses Entwurfs erfordert freilich eine Kritik der Prämissen neuzeitlicher Denktradition. Hierin gründet die Problematik der Wirkungsgeschichte des Weizsäckerschen Werkes.

Deutlich wird dies im methodischen Ausgang und an den Grundgedanken der Medizinischen Anthropologie. So steht an deren Anfang kein normatives Postulat – sei es eine Vorstellung von Gesundheit, Ganzheit oder Vollendung –, sondern die Lebenswirklichkeit des kranken Menschen, also die „Urkrankheiten“ der Angst, des Schmerzes, der Schwäche und des Schwindels. Die Relation von Not und Hilfe wird zur methodischen Urszene schlechthin. Erst im Umgang mit dieser Lebenswirklichkeit erschließt sich die Bestimmung einer je besonderen Form gelingenden Menschseins. Zugleich kommen in der Art und Weise dieses Umgangs die Grundgedanken der Medizinischen Anthropologie zum Vorschein. Sie betreffen das Verhältnis von Natur und Geist (Leib und Seele), von Leben und Tod, von Selbst und Anderem, von Vergangenheit und Zukunft, von Sein und Nichts.

Einige prägnante und häufig zitierte Formulierungen Viktor von Weizsäckers mögen dies illustrieren. So spricht er von der „Verwirklichung des Unmöglichen“ und der „Wirksamkeit des ungelebten Lebens“, von einer „Umkehr der Kausalität“ und einem „methodischen Indeterminismus“, von der „Teilhabe des Todes am Leben“ und davon, daß der Sinn des Lebens das „Opfer des Lebens“ sei. Die Medizin habe „in gleicher Kraft dem Leben und dem Tode zu dienen.“ Gesund sein heiße dann „nicht normal sein, sondern es heiße: sich in der Zeit verändern, wachsen, reifen, sterben können.“ Das Verhältnis von Leib und Seele bringt er auf die programmatische These: „Nichts Organisches hat keinen Sinn; nichts Psychisches hat keinen Leib.“

In einer großen Vorlesung während der Hochschulwochen des Apologetischen Seminars Helmstedt im Herbst 1925 bezeichnet er die „Lehre von der Identität, die von der Willensfreiheit und die von der Autonomie der menschlichen Person“ als „metaphysische Irrtümer“ der neuzeitlichen Denktradition. Hier zeige sich eine „Pathologie des Geistes“: denn „wissenschaftliche Wahrheiten, die ungesund geworden sind, sind keine Wahrheiten mehr.“ Am Beispiel der sog. „Bipersonalität“, die später eine beeindruckende experimentelle Bestätigung findet, entwirft Weizsäcker ein Konzept der Alterität im Sinne einer „ursprünglichen Verbundenheit“ des Menschen, der als Einzelner „ontologisch nicht real“ sei.

Seine in diesem Zusammenhang geprägte Formel von der „Umgestaltung der Metaphysik“, also der Wende von der Substanzontologie zu einer Ontologie der Relationen erinnert an die von dem renommierten Lutherforscher Gerhard Ebeling beschriebene „ontologische Revolution“ der reformatorischen Anthropologie. Hierfür steht die sog. „coram-Relation“, die den Menschen gleichermaßen in ein Verhältnis zu Gott, zur Welt und zum Anderen stellt. Dieses „untrennbar korrespondierende Beieinander“ der Verhältnisse bestimmt das Sein des Menschen als ein ursprüngliches Bezogensein. Kennzeichnend für dieses Bezogensein ist der Vorrang des Nichtseins vor dem Sein, mithin die Wirksamkeit eines Nichtseienden – Weizsäcker spricht von der Wirksamkeit des ungelebten Lebens.

Die ontologische Ordnung, nach der das Tun aus dem Sein folgt, kehrt sich um: „das Sein folgt aus dem Tun“ - das Unmögliche wird verwirklicht. Die Daseinsweise des Menschen erweist sich als eine in aller Hinsicht relationale und unabgeschlossene – sie ist Fragment und dennoch vollendet. Paradigmatisch hierfür ist die Krankheit, wie überhaupt jede Situation der Not. Ebeling spricht im Lichte der reformatorischen Anthropologie von der „Existenz des Menschen als Zwischen-Sein“, wobei dessen Bestimmung große Nähe zu den Grundgedanken der Medizinischen Anthropologie aufweist. Den theologischen Hintergrund liefert Martin Luthers Formel „simul iustus et peccator“, deren Zeitlogik, nämlich in re Sünder und in spe Gerechter zu sein, an Weizsäckers Verhältnisbestimmung von ontisch und pathisch erinnert. Auch die Medizinische Anthropologie fragt nicht nach dem, was der Mensch ist, sondern: „was wird dieser Mensch?“

Die Vermutung einer gewissen Strukturverwandtschaft zwischen der Medizinischen und der reformatorischen Anthropologie überrascht nur auf den ersten Blick. Neben Weizsäckers Auffassung, wonach „die medizinische Fakultät und nicht die philosophische die der theologischen nächstverwandte“ sei, fällt vor allem dessen Interesse an der Physiologie und Menschenkunde des Paracelsus ins Auge – ein bemerkenswertes Desiderat der bisherigen Rezeption. Und schließlich sind es die modernen Lebenswissenschaften selber, deren neuere Fortschritte auf existentielle Probleme führen, die den Geltungsanspruch der geistigen Voraussetzungen dieser Fortschritte radikal in Frage stellen. Es war das Verdienst von Jürgen Habermas, deutlich gemacht zu haben, daß damit zugleich die condition humain der neuzeitlichen Denktradition in Frage steht. Nicht zufällig waren es die Herausforderungen der modernen biomedizinischen Forschung, die Habermas vom Ende der „postmetaphysischen Enthaltsamkeit“ sprechen lassen. Seine Unterscheidung zwischen „technischer Herstellung“ und „klinischer Einstellung“, mit der er an die aristotelische Differenzierung von episteme und phronesis anknüpft, verdient im Horizont der Strukturverwandtschaft von Medizinischer und reformatorischer Anthropologie neues Interesse. Auch das Weizsäckersche Werk gewinnt eine über den zeitgenössischen Kontext hinausweisende transdisziplinäre und methodenkritische Bedeutung.

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Tagungsort:
Stiftung Leucorea an der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Collegienstr. 62
06886 Lutherstadt Wittenberg
Tel.: 03491-4660
 

Wissenschaftliche Vorbereitung:
Rainer-M.E. Jacobi, Bonn
Ernst-Joachim Waschke, Halle (Saale)
Stephan Zierz, Halle (Saale)

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