Therapeutisches Handeln in der anthropologischen Medizin












"Therapeutisches Handeln
in der anthropologischen Medizin"
Ein Bericht über die Jahrestagung 2002
der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft

von
Roland Schiffter


Die gerade 500 Jahre alt gewordene, von Kurfürst Friedrich III., dem Weisen, 1502 gegründete, kursächsische Landesuniversität Leucorea in Wittenberg bot mit ihrem Friedricianum - frisch renoviert und modern ausgestattet - den geeigneten Rahmen für die Jahrestagung 2002 der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft. Auch der historische Hintergrund in Gestalt der beiden großen Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon, sowie von Giordano Bruno, Lukas Cranach oder Doktor Faustus bewegte die Tagungsteilnehmer und die Tatsache, dass die universitäre Stiftung Leucorea neben anderen Schwerpunkten eine Sektion "Gesundheits- und Pflegewissenschaften" unterhält, die die Beziehungen zwischen Medizin, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Jurisprudenz und Erziehungswissenschaften erforscht, bot auch einen direkten Anknüpfungspunkt. Auf der Tagesordnung stand das Thema "Therapeutisches Handeln in der Anthropologischen Medizin".

Das praktische Handeln beim Be-Handeln war bevorzugter Gegenstand der Erörterungen, aber eben auch die dieses Tun begründende "Anthropologische Medizin". Es war ein besonderes Anliegen der Tagung, dieses Anthropologische Medizin-Konzept bekannt und handhabbar zu machen, zumal moderne Tendenzen der Medizin befürchten lassen, dass der einzelne Mensch mit seinen somatischen, psychologischen und sozialen Bezügen, das Subjekt im Sinne Weizsäckers oder - anders ausgedrückt - der "Arzt-Patient-Gestaltkreis" überrollt und verschüttet werden von den drängenden, ökonomischen, betriebswirtschaftlichen, sozusagen, den spätkapitalistischen Zwängen und Schein-Zwängen. Das praktische therapeutische Handeln unter anthropologischen Gesichtspunkten zu erörtern, erschien auch notwendig, weil Weizsäcker in seinen Schriften eine biographisch-psychosomatische Orientierung vorgegeben hat, nicht aber eine pragmatisch-methodische Handlungsanweisung. Es galt, dieses Konzept mit eigenen ärztlich-methodischen Erfahrungen zu füllen und Orientierungslinien zu erarbeiten.

Nach der Begrüßung durch Gunnar Berg (Vorstand der Stiftung Leucorea, Wittenberg), Josef N. Neumann (Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg) und Hans Stoffels (Vorsitzender der Weizsäcker Gesellschaft, Berlin) hielten Wilhelm Rimpau (Berlin) und Peter Achilles (Saarbrücken) den Einführungsvortrag. Sie wiesen auf den Lehrer Weizsäckers, Rudolf von Krehl, hin, der gefordert hatte, die "mechanische Naturforschung" in der Heilkunde durch "Gedanken und Methoden der Geisteswissenschaft" zu bereichern. Weizsäcker realisierte dies Programm durch Entwicklung der "biographischen Methode". Diese Methode impliziert das Verhältnis von Lebenskrise und Krankheitsentstehung sowie von seelischer Verfassung und körperlicher Störung in Form des "Gestaltkreises". Rimpau und Achilles betonten, dass Kern der anthropologischen Therapie Zuhören und Beobachten, Dialog und Gegenseitigkeit seien. Dies habe für das Wissenschaftsverständnis der Medizin weitreichende Konsequenzen.
Rimpau trug eine Krankengeschichte vor, die den psycho-physischen Gestaltkreis illustrierte, aber auch die "Beteiligung" des Arzt-Subjektes am Krankheits- und Heilungsgeschehen. Der Arzt soll nach Weizsäcker "Ermöglicher" sein und nicht "Bewirker". Kranken- und Heilungsgeschichte werden zu einer Begegnungs- und Beziehungsgeschichte auf der Basis einer "Weggenossenschaft" von Arzt und Krankem.

Nach dieser Einführung unternahm Helm Stierlin (Heidelberger) den autobiographisch orientierten Versuch, die "systemische Therapie" als Ausdruck und Element einer demokratischen Kultur darzustellen. Helm Stierlin gilt in Deutschland als der wichtigste Vertreter dieser Richtung, die insbesondere der Familientherapie entscheidende Impulse gegeben hat. Stierlin kontrastierte den Einzelnen und die Gesellschaft, fasste den Einzelnen als "innere Demokratie" auf, als "Parlament der Motive und Antriebe". Der Bezug zu Weizsäcker - man denke nur an dessen Formulierung, "dass die Neurose im Grunde nur als eine "Krankheit zu Zweien" aufgefasst werden kann - war implizit stets gegeben.
Die Psychotherapeutin Verena Lauffer (Greifswald) wandte sich dem Thema "Anthropologische Medizin und körperbezogene Therapieansätze am Beispiel der funktionellen Entspannung (FE)" zu. Die von Marianne Fuchs begründete "FE" wird mit Weizsäckers anthropologischer Theorie in Beziehung gesetzt. Es handelt sich um "körperbezogene Psychotherapie", und der therapeutische Prozess vollzieht sich als "verleiblichter Gestaltkreis" mit "zyklischen Rückkopplungen", wobei alle Kompartments der Leib-Seele-Einheit gleichberechtigt zum "Schwingen" gebracht werden. Es ist ein auf Gegenseitigkeit beruhender Therapieprozess, der die Selbstregulierungs- und Selbstheilungskräfte des Kranken freisetzt.

Am Nachmittag gaben drei parallel tagende Symposien Gelegenheit zum intensiven Gedankenaustausch. Im Symposion "Von der Person zum Werk. Begegnungen mit Viktor von Weizsäcker" erzählte Helm Stierlin (Heidelberg) - interviewt von Hans Stoffels (Berlin) - von seinen Erinnerungen an seine Studentenzeit in Heidelberg in der Nachkriegszeit. Stierlin war angezogen, aber auch reserviert gegenüber dem Mitarbeiterkreis, der sich um Weizsäcker gesammelt hatte. Viele Bemerkungen Weizsäckers in seinen Vorlesungen blieben ihm "kryptisch", und er gewann den Eindruck, dass Weizsäcker "wie in einer anderen Welt" lebte. Angesprochen war Stierlin durch die Tatsache, dass er im Umkreis Weizsäckers - er erinnerte sich an Mitscherlich und Kütemeyer - einen Ort fand, wo offen über die Naziverbrechen diskutiert wurde. Dies war damals ungewöhnlich. Professoren, aber auch die studentischen Kriegsrückkehrer wollten in die Zukunft schauen, wollten Versäumtes nachholen und nicht Vergangenes aufarbeiten.
Nach Stierlin ist Weizsäcker Vorläufer des Systemdenkens in der Medizin, ebenso wie Konrad Lorenz und von Holst.

Im zweiten Teil berichtete Ernst Scheurlen, niedergelassener Internist und Psychotherapeut (Heidelberg/Wilhelmsfeld) über seine Erlebnisse mit Weizsäcker, als dessen Schüler er sich bezeichnete. Als Student Anfang der fünfziger Jahre hatte er die Weizsäcker-Vorlesung "Medizinische Anthropologie" besucht und an dem zweimal pro Woche abgehaltenen Psychosomatik-Seminar teilgenommen. Weizsäcker wirkte auf ihn "wie der alte Goethe". Er habe seine Zuhörer stets zum Mitdenken gezwungen, war geduldig, sprach die Studenten auch direkt an. Manchmal wirkte er auf ihn wie ein "König ohne Reich". Scheurlen berichtete von einer Einladung Weizsäckers zum Abendessen. Es war 1952. Scheurlen hatte im Seminar über Angst und Angina ein Referat gehalten. Auch sein Bruder, ebenfalls ein Medizinstudent, war eingeladen. Bei der Einladung kam es zu einem Eklat. Noch bevor man Platz genommen hatte, war das Thema auf die Verbrechen gekommen, die deutsche Truppen in Russland begangen hatten. Weizsäcker reagierte schroff, verließ zunächst den Raum, als seine Frau sich darum bemühte, das Gesprächsthema zu glätten. Andere Symposionsteilnehmer ergänzten, dass Weizsäcker in den letzten Jahren seines Lebens leicht kränkbar war und seine Persönlichkeit deutlich depressive Züge zeigte. Er habe den Ausspruch tun können: "Ich habe umsonst gelebt". Scheurlen erinnerte sich an einen Spaziergang mit Weizsäcker, der damals schon von seiner Krankheit gezeichnet war und unvermittelt den Satz gesprochen habe: "Die Wahrheit ist ein Licht, aber man darf nur an ihm vorbeisehen". Auf Nachfrage von Hans Stoffels berichtete Scheurlen über die Entstehungsgeschichte der "Pathosophie". Weizsäcker war schon schwer krank, sein Schüler Wilhelm Kütemeyer drückte ihm eines Tages das Manuskript in die Hände. Es handelte sich aber um viele Manuskripte. Er sollte sie ordnen und ein Inhaltsverzeichnis anlegen. Der Begriff "Pathosophie" stamme von Weizsäcker, aber es sei wohl ein Vorschlag von Kütemeyer gewesen, die umfangreichen Manuskripte unter diesem Titel zu publizieren.

Das zweite Symposion beschäftigte sich unter Anleitung von Verena Lauffer und in Anwesenheit von Marianne Fuchs mit der funktionellen Entspannung; das dritte Symposion mit "Fällen und Problemen". Unter der Moderation von Peter Hahn (Heidelberg/Schriesheim) wurden Kasuistiken diskutiert, die Mechthilde Kütemeyer (Köln), Martin Reker (Bielefeld) und Michael Schütz (Stadtlengsfeld) vorgetrugen.

Man war sich darin einig, das kasuistisch orientierte Symposion "Fälle und Probleme" auch künftig fortzusetzen. Es gilt, systematisch kasuistische Erfahrungen mit der biographischen Methode zu sammeln. Anwendungsmöglichkeiten in den modernen Akut-Kliniken mit ihren extrem kurzen Verweildauern wird es allerdings kaum geben. Therapeutische Möglichkeiten eröffnen sich vor allem in den Kliniken für Frührehabilitation und Nachsorge sowie im ambulanten und Chronisch-Kranken-Bereich. Es entstand das Bedürfnis, regionale Fallvorstellungen zu organisieren.

Jürgen Ott (Düsseldorf) eröffnete mit seinem Vortrag "Menschenbild und Psychotherapie. Erfahrungen im Osten und Westen Deutschlands" den zweiten Vortragsvormittag. Die sozialistische Erziehung in der DDR kulminierte in dem Versprechen, dass die neue marxistisch-leninistische Gesellschaftsordnung eine Gesellschaft ohne Not und Krankheit erzeugen werde. Ott erlernte zunächst Hypnose und autogenes Training, die anerkannte Behandlungsmethoden waren. Die Einführung von Gruppentherapie und die systematische Selbsterfahrung waren Bereiche, die neu waren. Bald stellten sich Probleme ein, die mit dem sozialistischen Menschenbild nicht übereinstimmten. Es kam zu Interventionen und Verboten. Schließlich setzte sich ein modifiziertes Konzept von Gruppentherapie in der DDR durch ("intendierte dynamische Gruppentherapie" nach Hoeck). In den späteren Jahren ließen sich, trotz vieler Widerstände, psychoanalytisch orientierte Therapieformen praktizieren, allerdings unter der Bedingung, dass man sie anders nannte und den Namen Sigmund Freud vermied. 1985 gelang die Ausreise in den Westen, wo er seine gruppentherapeutische Ausbildung fortsetzte. Auch im Westen stieß Ott auf Widerstände, die anderer Natur waren, die Fortentwicklung der Psychoanalyse behinderten. Ott forderte eine aktivere Rolle des Therapeuten im Behandlungsprozess, er solle nicht nur Zuhörer und Deuter, sondern auch "Antwortgeber" sein.

In seinem Vortrag "Was hilft in der Psychotherapie? Anthropologische Überlegungen" berichtete Hermann Lang (Würzburg), dass es inzwischen 4.000 psychotherapeutische Schulen auf der Welt gebe. Es herrsche eine verwirrende Fülle. Es gebe nichts, was nicht schon versucht und praktiziert worden wäre. Die entscheidende Dimension der Heilung ist nach Lang "die therapeutische Allianz", die er mit dem Begriff Empathie, Respekt, Holding und Stabilisierung beschreibt. Es komme oft weniger darauf an zu deuten als vielmehr zu ermuntern. Lang gab Hinweise auf Weizsäckers "Situationstherapie" und formulierte: "Die persönliche Haltung des Therapeuten ist der Kern der Therapie". Heilung trete dann ein, wenn aus der asymmetrischen Arzt-Patienten-Beziehung eine symmetrische wird.

Eberhard Lungershausen (Erlangen) hielt den letzten Vortrag dieser von Peter Henningsen (Heidelberg) moderierten Sitzung. Er sprach über "Anthropologische Psychiatrie. Vergangenheit und Zukunft". Lungershausen definierte anthropologische Psychiatrie als Ergänzung und Umfassung der vorwiegend naturwissenschaftlich dominierten Psychiatrie. Er erörterte in verschiedener Hinsicht das, was "Schicksal" genannt wird. Das wirkliche Wesen von Krankheit sei Not, ein Zustand, der die Hilfe durch den anderen herausfordert. Ohne geisteswissenschaftliche Kategorien und Instrumentarien ist die ärztliche Situation nicht adäquat zu meistern. Ein Kondensat der Ausführungen Lungershausens findet sich in einem Weizsäcker-Zitat: "Schon das unbelehrte Gemüt kann uns lehren, dass Hilfe, nicht Reparatur, dass ein menschliches, kein technisches, der Kern der Ärztlichkeit ist. In jeder Motivation ist also wesentlich nicht die Bereitstellung für beliebige Zwecke, sondern Mensch-für-Mensch-Sein das Wesen der Therapie".

Nachspiel: Auf dem Weg zum gemeinschaftlichen Abendessen beobachtete eine kleine Gruppe von Tagungsteilnehmern auf dem weitläufigen Hof des Friedricianums einen kleinen Volksauflauf. In der Mitte stand ein Prediger im Talar, gestikulierend und laut deklamierend im schönen alten Luther-Bibel-Duktus. Ich fragte ihn, wer er sei, Luther oder Melanchthon? Er hob ungläubig, enttäuscht die Arme: Gott erbarme sich, ob ich denn so unkundig sei, nicht zu wissen, dass Bruder Philipp ein spitzes Bärtchen am Kinn trug, er aber, der Bruder Martin, nur damals auf der Wartburg als Junker Jörg des Bartes bedurfte, hernach aber immer ordentlich glatt rasiert war. Ganz wie er.
Ich fand, dass er der lutherischen Leibesfülle entbehrte, worauf er meinte, das sei eben bei ihm "das Verborgene", das unter dem Talar Versteckte.

So schlenderten wir plaudernd in reformatorischer Rede und Gegenrede in heiterer Weggemeinschaft die stille Collegienstraße hinunter zum heimelig ausgeleuchtete Alten Markt. Hans Stoffels offenbarte sich überraschend als geschickter Imitator der polternden lutherischen Predigersprache. "Martin Luther" aber musste sich leider von uns verabschieden, er sei nach dem gestrigen, abermaligen Stadt- und Hochzeitsfeste durchaus des Nachtschlafes bedürftig.

Wir zogen weiter in den Brauhaus-Gasthof, wo wir es zwischen Balken und kupfernem Braugerät hielten wie anno 1530 Martin Luther in seinem Brief an Hieronymus Weller: "Wofür hältst Du es, wenn ich ungezügelter trinke, ausschweifender schwatze, häufiger Gelage veranstalte, wofür? Ich mache mich ganz einfach lustig über den Teufel und mache ihn unglücklich... Ach könnte ich doch irgendeine ganz besonders auffällige Sünde benennen, nur um den Teufel auf's Kreuz zu legen". Melanchthon bemerkte zu diesem Brief: "Wenn er doch nur schweigen könnte". Luther aber blieb dabei, seine Gefühle, seine Leidenschaften und Ängste heraus zu schleudern, sozusagen in Selbsterfahrung praktisch-therapeutisch handelnd, um dadurch "das Blau des Himmels wieder zu gewinnen".