Jahrestagung 2015

Unter dem Thema "Sorge um den Menschen" fand vom 9. bis 11. Oktober 2015 in der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg die 21. Jahrestagung der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft statt.

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Sorge um den Menschen

75 Jahre nach der Publikation von Viktor von Weizsäckers Hauptwerk „Der Gestaltkreis”, das in erster Auflage im Frühjahr 1940 bei Georg Thieme in Stuttgart erschien, stellt sich erneut die Frage nach der besonderen Bedeutung dieser Schrift. Hier geht es weniger um eine disziplinäre Zuordnung, die Weizsäcker schon selber unbestimmt lässt, wenn er davon spricht, dass der Gestaltkreis an Biologie, Medizin und Philosophie grenzt, stattdessen kommt eine bestimmte Denkhaltung in den Blick, die nicht nur für das Werk Weizsäckers charakteristisch ist, sondern für eine geistige Konstellation steht. Paradigmatisch hierfür ist das Jahr 1927. In diesem Jahr entwickelt Weizsäcker aus der methodischen Urszene der Begegnung von Arzt und Kranken erstmals sein Konzept des Gestaltkreises als eine Abkehr vom Vorrang des erkennenden Subjekts. Im gleichen Jahr versucht Martin Heidegger in „Sein und Zeit” einen neuen Zugang zur Grundbestimmung menschlichen Daseins und bringt diese auf den Begriff der „Sorge” als einer vorontologischen Strukturaussage im Sinne eines „Sich-vorweg-seins-im-schon-sein-bei.” In beiden Fällen steht die strenge Trennung von Subjekt und Objekt in Frage.

Die Strukturverwandtschaft von Sorge und Gestaltkreis wird in einem Hinweis deutlich, den Weizsäcker im Rückblick auf die experimentellen Vorarbeiten zur Theorie des Gestaltkreises gibt. Mit Heideggers Freiburger Antrittsvorlesung „Was ist Metaphysik?” aus dem Jahr 1929 verweist er gewissermaßen auf den Grundtext für jene bestimmte Denkhaltung, die auch seine Medizinische Anthropologie kennzeichnet. Es geht um die Frage nach der Seinsweise lebendigen Daseins. Wobei – und hier liegt die methodische Pointe dieser Denkhaltung – das „fragende Dasein” selber „mit in die Frage hineingenommen” wird. In dieser Formulierung Heideggers mag etwas anklingen vom berühmten ersten Satz des Gestaltkreis-Buches: „Um Lebendes zu erforschen, muss man sich am Leben beteiligen.”

Zur Seinsweise lebendigen Daseins oder, wie Heidegger sagt, zum „Strukturganzen des Daseins” gehört, dass es selber kein Ganzes ist, sondern sich in einer „ständigen Unabgeschlossenheit” befindet. Denn zu dem, was dieses Dasein ist, gehört immer etwas, das es selbst und jetzt nicht ist. Der oder das Andere und die Zeit gehören zur Seinsweise des Daseins. In der Einbeziehung eines Nicht-Seins in die Bestimmung der Seinsweise des Daseins zeigt sich das Besondere jener Denkhaltung, der sich die geistige Konstellation um 1927 verdankt. Für Heidegger handelt es sich bei der Frage nach diesem Nicht-Sein um eine „metaphysische Frage” – er antwortet darauf mit dem Begriff der Sorge als einer Strukturaussage zur Grundverfassung lebendigen Daseins; insofern dessen Sein nicht ohne etwas gedacht werden könne, das es nicht ist.

Um genau diese Frage geht es Weizsäcker, wenn er 1927 in seinem Kölner Vortrag „Über medizinische Anthropologie” nach dem „metaphysischen Ort des Arztes” fragt. Das Arzt-Patient-Verhältnis, wie übrigens jedes menschliche Verhältnis von Not und Hilfe, wird ihm zum Paradigma für die Seinsweise lebendigen Daseins. Auch hier ist es der Ausgriff auf ein Nicht-Sein, auf ein Nicht-selbst und Nicht-jetzt, der zur Bestimmung des Kranken, des Arztes und ihrer Beziehung verhilft. Der Strukturbegriff dieser Bestimmung ist der Gestaltkreis. Ähnlich der Sorge bei Heidegger, bildet der Gestaltkreis eine Antwort auf die Frage nach dem metaphysischen Ort des Arztes. Gleichermaßen prägnant und irritierend zeigt dies die Formel von der „Fortsetzung der Krankheit in den Arzt.”

Auf sehr unterschiedliche aber höchst einschlägige Weise standen sowohl der Eröffnungs- als auch der Abschlussvortrag im Zeichen der Strukturverwandtschaft von Sorge und Gestaltkreis. Am Vorabend der Jahrestagung gab der emeritierte Bochumer Philosoph Bernhard Waldenfels unter dem Titel „Selbstsorge und Fremdsorge” einen Überblick zum philosophischen Hintergrund der Sorge um den Menschen und dessen Wandel von der Antike zur Moderne. In kritischer Weiterführung des von Heidegger eingeführten vorontologischen Strukturbegriffs der Sorge und unter Aufnahme der von Weizsäcker für die Begegnung von Arzt und Kranken postulierten methodischen Urszene gab Waldenfels eine Skizze „responsiver Therapie”. Angeregt durch Kurt Goldsteins Verständnis der Krankheit als „mangelnde Responsivität” verfolgt Waldenfels in seiner Rede vom Menschen seit Jahrzehnten ein Konzept radikaler Alterität. Alles Eigene versteht sich immer schon als Antwort: es kommt gleichsam „von anderswoher”. Dies entspricht genau jener Urszene, deren Anfang keine Reflexion ist und nicht vom Arzt gemacht wird, sondern einfach kommt – „wie der Patient kommt.” Therapie erweist sich dann – und hier liegt die Pointe dieses Ansatzes – als „spezifische Verkörperung der Sorge, die kein reines Bewusstsein voraussetzt, sondern ein leibliches Selbst, das in seiner Zwischenleiblichkeit auf Andere bezogen ist.”

Eine gewisse Überraschung bot der Abschlussvortrag des Kunsthistorikers Claus Volkenandt von der Privaten Universität Witten-Herdecke. Jene Denkhaltung der Einbeziehung eines Nicht-Seins in die Bestimmung der Seinweise des Daseins, wie sie der Strukturverwandtschaft von Sorge und Gestaltkreis zugrundeliegt, vermag auch das Wirkungsgeschehen von Bildern – ja von Kunstwerken überhaupt – verständlich zu machen. Auch hier geht es um eine elementare Bezogenheit, die „von anderswoher” das Bild erst eigentlich zum Bild werden lässt. Unter dem Titel „Bilder der Sorge und die Sorge um das Bild” wird eine eher herkömmliche motivgeschichtliche Betrachtung mit einer bildwissenschaftlichen Deutung verbunden. Fasziniert zunächst der am christlichen Sorgemotiv vorgeführte Wandel der frühen Lazarus-Ikonographie in die neuzeitliche Profanisierung der Caritas als eine Verschränkung von Bild- und Medizingeschichte, so wird schließlich am Beispiel der klassischen Moderne die „Sorge um das Bild” als eine bildliche Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit des Bildes vorgestellt. Die luzide Interpretation eines abstrakten Werkes von Piet Mondrian macht deutlich, dass ein Bild erst im Einbezug dessen, was es selbst nicht ist, zum Bild wird. So korrespondiert die von Heidegger betonte konstitutive Unabgeschlossenheit lebendigen Daseins mit der von Volkenandt bei Mondrian diskutierten „Vermittlung von Teil und Ganzem” als einer kommunikativen Bildstruktur. Einen ganz besonderen Eindruck hinterlässt die gleichsam bildgewordene Verbindung von Sorge und Gestaltkreis bei der berühmten „Anatomie des Dr. Tulp” von Rembrandt: nämlich als Darstellung des Erkennens im handelnden Mitvollzug im Sinne der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen.

Die beiden Referenten waren gern bereit, für die Veröffentlichung an dieser Stelle eine geringfügig bearbeitete und um Anmerkungen ergänzte Fassung ihrer Vorträge zur Verfügung zu stellen. Herr Volkenandt war überdies so freundlich, für alle im Text erwähnten Kunstwerke die entsprechenden Links in die Anmerkungen aufzunehmen. Diese Veröffentlichung steht freilich unter dem Vorbehalt der späteren Drucklegung in veränderter Form.

Bernhard Waldenfels - Selbstsorge und Fremdsorge

Claus Volkenandt - Bilder der Sorge und die Sorge um das Bild