Satelliten-Symposium 27.03.2015

Die Psychosomatik und ihre Nachbardisziplinen
 

Das Satelliten-Symposium, das die Viktor von Weizsäcker Gesellschaft im Rahmen des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin (25. bis 28.03.2015) ausrichtete, war ein überraschend großer Erfolg. Der Hörsaal konnte die Zuhörer nicht fassen und viele mussten im Gang stehen. Evident war, dass die Kongressteilnehmer ein Bedürfnis hatten, über die Grenzen ihres Faches hinauszublicken.

Das Thema des Symposiums lautete: „Die Psychosomatik und ihre Nachbardisziplinen“. Ziel war es, durch das dialogische Prinzip eine interdisziplinäre Perspektive zu gewinnen, die einen Blick freigibt für die Notwendigkeit einer anthropologischen Fundierung der Psychosomatik.

Gregor Etzelmüller

Hans Stoffels

Zwei Referate standen im Mittelpunkt des Symposiums. Unter der Moderation von Hans Stoffels referierte Gregor Etzelmüller zum Thema „Der kranke Mensch in Psychosomatik und Theologie“. Bezugnehmend auf Viktor von Weizsäcker, der die Frage gestellt hatte, ob nicht die medizinische Fakultät die nächstverwandte zur theologischen Fakultät sei, sofern beide Fakultäten davon ausgehen, dass der Mensch unfertig und stets im Werden begriffen sei, setzte sich Etzelmüller mit dem Begriff der Bestimmung auseinander. Kann Krankheit als Verfehlung der Bestimmung beschrieben werden?

Etzelmüller führte mehrere Erzählungen von Krankenheilungen im Neuen Testament an, um auf die „Amoralität des Christentums“ hinzuweisen, die darin besteht, dass der Kranke nicht für seine Krankheit schuldig gesprochen werden kann. In den Krankenheilungen Jesu erscheint der kranke Mensch primär als Mensch in seiner Not. Vor diesem Hintergrund erschließt sich eine neue Sinndimension auch der paulinischen Texte. Paulus, der den Menschen als beseelten Leib versteht, deutet die in der Gemeinde zu Korinth auftretenden Krankheiten als Hinweis darauf, dass in der Gemeinde, nicht im Leben des einzelnen Leben verfehlt wird. Krankheit wird so – gerade auch für die vermeintlich Gesunden – zum Ruf zur Umkehr.

Schließlich ging Etzelmüller der Frage nach, ob jede Krankheit einen Sinn hat, und erörterte unter Hinweis auf Karl Barth die dämonisch-sinnwidrigen Dimensionen von Krankheit. Auch unter dieser Perspektive ist der Kranke entschuldet. Etzelmüller forderte, die Positionen Weizsäckers und Barths kritisch aufeinander zu beziehen, um deutlich zu machen, dass Krankheit nicht nur ein Phänomen eines sinnvoll geordneten Kosmos ist, sondern auch als Aufstand des Chaos gegen die Schöpfung Gottes verstanden werden kann. Auf den Begriff der „Bestimmung“ richtete sich – auch in der Diskussion – besonderes Augenmerk, und es wurde deutlich, dass zu seiner Klärung weitere Forschungsanstrengungen unternommen werden müssen.

In Vertretung für den Literaturwissenschaftler Wolfgang Riedel, der verhindert war, referierte im zweiten Teil Hans Stoffels zum Thema „Kunst und Therapie. Zwei Welten?“ Als Motto hatte er den Spruch des Psychiaters und Bildhauers Peter Leisinger gewählt: „Kunst ist die Lüge, die uns lehrt, die Wahrheit zu sehen“.

Ausgehend von einer Kasuistik, in der das Malen eines Bildes sich als „kreativer Betrug“ herausstellt, wies Stoffels auf den Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und dem Psychotherapeuten Viktor von Gebsattel hin. Bekanntlich hatte Rilke Angst, sich wegen verschiedener depressiver Störungen in Psychotherapie zu begeben, weil er fürchtete, durch eine erfolgreiche Behandlung seine Kreativität zu verlieren. In der Novelle „Tonio Kröger“ ist Thomas Mann dem Gegensatz zwischen künstlerischer Produktivität und dem Ideal psychischer Gesundheit nachgegangen. Stoffels prüfte diese Perspektive anhand der Biographie des Enkels von Sigmund Freud, des Malers Lucian Freud (1922 – 2011), der als einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit gilt.

In seinem Resümee kam Stoffels zu der Feststellung, dass sowohl in der Welt der Kunst als auch in der Welt der Psychotherapie das Bestreben zu beobachten ist, sich von methodischen Beschränkungen und traditionellen Definitionen zu lösen und unter dem Zwang der Innovation Entgrenzungen zu praktizieren. Schließlich zitierte er Adolf Muschg: „Kunst und Therapie haben ein Ziel: Befähigung zum eigenen Leben... Die Therapie ist nicht Kunst, aber sie dient der Kunst als Bürgschaft für die Verbindlichkeit, für die Gangbarkeit der lebensverändernden Phantasie.“

Die lebhafte Diskussion bekräftigte den Plan, auch zukünftig im Rahmen des jährlichen Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie ein Satelliten-Symposium der Weizsäcker Gesellschaft auszurichten stets unter dem Thema „Die Psychosomatik und ihre Nachbardisziplinen“.

 

Hans Stoffels