Jahrestagung 2014

Unter dem Rahmenthema "Der kranke Mensch" fand vom 23. bis 25. Oktober 2014 in Verbindung mit der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik der Universitär Heidelberg die 20. Jahrestagung der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft in der Neuen Krehl-Klinik in Heidelberg statt.

Der kranke Mensch

20. Jahrestagung der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft
vom 23. bis 25. Oktober 2014
in Verbindung mit der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik der Universität Heidelberg

In seiner letzten noch selbst zum Druck gebrachten großen Schrift „Der kranke Mensch“ führt Viktor von Weizsäcker zum besseren Verständnis der von ihm begründeten „biographischen Methode“ ein aus drei Formeln bestehendes logisches Schema ein: „Ja, aber nicht so. Wenn nicht so, dann anders. Also so ist das.“ Damit gehört die anthropologische Medizin in die maßgeblich von Sören Kierkegaard ausgehende Tradition des „philosophischen Negativismus“ – ein für die neuere Diskussion zum epistemologischen Status der Medizin bedeutsamer Umstand.

Als prominenter Kenner negativistischen Denkens konnte Emil Angehrn (Basel) für den öffentlichen Vortrag am Vorabend der Jahrestagung gewonnen werden. In der gut besuchten Alten Aula der Universität Heidelberg gab er nicht nur einen Überblick zu den methodischen Besonderheiten dieser Tradition, sondern machte in überzeugender Weise deutlich, dass jenes Ernstnehmen der Negativität von Krankheit und Leiden, wie es in Weizsäckers biographischer Methode erfolgt, auch der Philosophie Anlaß gibt, sich des praktisch-therapeutischen Anliegens ihrer Gedankenarbeit zu vergewissern.

Doch der Ernst und die Demut im Umgang mit dem kranken Menschen gilt auch für andere Gegenstände unseres Interesses. Unter dem Titel „Pathologien des Lesens“ gab der Direktor des Seminars für Klassische Philologie der Universität Heidelberg, Jürgen Paul Schwindt, in seinem Abschlußvortrag ein engagiertes Plädoyer für das vergleichende Studium der Methoden zur Erschließung der organischen Körper wie auch der Textkörper in Medizin und Philologie. Ähnlich der von Weizsäcker eingeforderten „Habeas Corpus-Akte der Medizin“ gehe es um die Wahrung der Ansprüche des Textes, um dessen Eigengesetzlichkeit und Selbstbestimmung. Auch hier sei es die Geschichte, die Frage nach dem Anfang und dem Aufbau des Textes, die einer verstehenden Lektüre vorausgeht. In der Negation der Negativität des Leidens wie des Nichtverstehens begegnet die anthropologische Medizin einer negativistischen Hermeneutik. So erlangt Viktor von Weizsäckers logisches Schema des „Ja, aber nicht so“ eine gleichsam transdisziplinäre Evidenz.

Der fremde und zugleich subtile Blick auf den methodischen Kern der anthropologischen Medizin Viktor von Weizsäckers war uns Anlaß genug, das hier Vorgetragene einer größeren Öffentlichkeit zu überlassen. Die Autoren waren gern bereit, für die Veröffentlichung an dieser Stelle eine geringfügig bearbeitete Fassung ihrer Vorträge zur Verfügung zu stellen. Diese steht freilich unter dem Vorbehalt einer späteren Drucklegung in anderer Form.

Emil Angehrn - Der kranke Mensch. Leiden und Krankheit als Herausforderung der Philosophie

Jürgen Paul Schwindt - Pathologien des Lesens