Bericht über Satelliten-Symposium der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft

Unter dem Thema „Psychosomatik und Psychotherapie: Ein Feld – Tausend Gesichter“ fand vom 6. bis 9. März 2013 der Deutsche Kongreß für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Heidelberg statt. Dieser Kongreß wurde von den beiden führenden psychosomatischen Gesellschaften in Deutschland ausgerichtet. Es handelte sich um die 64. Tagung des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM) und um die 21. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). Die Kongreßleitung lag bei Prof. Dr. Wolfgang Herzog und seinem Team. Bereits im Jahr zuvor in München, wo Peter Henningsen den Psychosomatik-Kongreß ausrichtete, war die Viktor von Weizsäcker Gesellschaft mit einem Satelliten-Symposium vertreten, bei dem Thomas Fuchs und Klaus M. Meyer-Abich mitwirkten.

 

Hans Stoffels, Angelika Pillen, Peter Achilles (v. l.)

Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Hans Stoffels (Berlin) wurden unter dem weitgefaßten Thema „Medizin und Biographie“ im Rahmen eines Satelliten-Symposiums drei Vorträge gehalten und diskutiert. Anliegen des Symposiums war es, Ideen Viktor von Weizsäckers in die aktuelle psychosomatisch-psychotherapeutische Diskussion einzubringen. Aus diesem Grund bildete der traumatheoretische Diskurs in der Psychosomatik einen thematischen Schwerpunkt des Symposiums.

 

Hans Stoffels stellte in seinem Beitrag „Das Versprechen der Traumatherapien. Moral und Unmoral im psychotherapeutischen Diskurs“ die Frage, warum die psychischen Erkrankungen und insbesondere die traumabedingten Erkrankungen in unserem Land in den letzten 20 Jahren dramatisch zugenommen haben, obwohl wir in Zentraleuropa seit vielen Jahrzehnten in relativen Friedenszeiten leben und von Naturkatastrophen weitgehend verschont sind. Nach Erörterung ökonomischer Anreize gab Stoffels in nuce drei Antworten:

  1. Dem Konzept traumatogener Erkrankungen liegt ein Ursache-Wirkungs-Denken zugrunde, das gerade in seiner Simplizität faszinierend ist unter Ausschaltung situativer und/oder subjektiver Faktoren. Das Phänomen, daß traumatische Ereignisse als Attraktor wirken können, wird weitgehend ausgeblendet. Die Anziehungskraft traumatischer Ereignisse machen sich vor allem die Medien zunutze, um hohe Einschaltquoten zu erzielen. In einer Längsschnittstudie konnte festgestellt werden, daß auch in seriösen Nachrichtensendungen (z.B. der Tagesschau) Berichte über angsterzeugende Ereignisse prozentual gegenüber anderen Themen (Politik, Unterhaltung, Sport) in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich zugenommen haben.

  2. Die zunehmend häufigere Feststellung von posttraumatischen Störungen kommt einem gesellschaftlichen Trend entgegen, den der französische Sozialphilosoph Pascal Bruckner als „Viktimisierung“ bezeichnet. Wie die Burn-out-Diagnose assoziiert ist mit der Zuschreibung von heroischem Verhalten, ist die PTSD-Diagnose verbunden mit der Etablierung eines Opfer-Status. Inzwischen, so Bruckner, habe sich europaweit eine entsprechende „Rechtsindustrie“ entwickelt und Opfersein werde zur Berufung, zur Vollbeschäftigung. In diesem Zusammenhang wies Stoffels auf Viktor von Weizsäcker hin, der den posttraumatischen Störungen ein „Behandlungsrecht“ zusprach, aber kein „Entschädigungsrecht“.

  3. Die immer zahlreicheren Traumatherapien enthalten das Versprechen, daß es für das, was uns schockartig ängstigt, auch für das, was unsere Sicherheit bedroht und wir als das Böse in der Welt empfinden, eine Kompensation gibt. Stoffels wies auf das „Gesetz der zunehmenden Penetranz der Reste“ hin, das der Philosoph Odo Marquardt formuliert hat. Wo durch den wissenschaftlich-medizinischen, den ökonomischen und politischen Fortschritt immer mehr Übel und Leiden aus der Welt geschaffen werden, konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf jene Übel und Leiden, die übrig bleiben. „Sie werden plagender, und Restübel werden schier unerträglich... Wer – fortschrittsbedingt – unter immer weniger zu leiden hat, leidet unter diesem Wenigen immer mehr“ (Marquardt). So werden die Traumatherapien in den Dienst genommen von dem gesellschaftlich vermittelten Wunsch nach Tilgung der Restleiden. Es bleibt fraglich, ob die Traumatherapien der Forderung Weizsäckers, das Subjekt des Kranken in den Mittelpunkt ärztlichen und therapeutischen Tuns zu stellen, gerecht werden.

Angelika Pillen (Berlin) setzte in ihrem Beitrag „Das traumatisierte Subjekt in der Postmoderne“ andere Akzente. Zunächst rekonstruierte sie die Geschichte des Traumadiskurses innerhalb der Medizin beginnend bei den Unfallopfern von Bahnunglücken im 19. Jahrhundert. Pillen verwies darauf, daß die Kritik am technischen Fortschritt und seinen destruktiven Möglichkeiten einerseits, die Wiedergutmachung der verletzten Gerechtigkeit andererseits wichtige Motive der damaligen Diskussion bildeten. Das Trauma sei in den Mittelpunkt einer moralischen Diskussion geraten, in der wesentliche Wertorientierungen der Zeit zur Debatte standen. Bei der Entwicklung des neuen Störungsbildes der posttraumatischen Belastungsstörung spielten heterogene Elemente der amerikanischen Sozialgeschichte (Vietnam-Krieg und Frauenbewegung) eine wichtige Rolle. Zuletzt ist der sexuelle Mißbrauch von Kindern für unsere Gesellschaften zum paradigmatischen Fall dessen geworden, was Michel Foucault L’intolerable, das Nichttolerierbare nennt. Es gibt nach Pillen kaum ein Thema, das das moralische Empfinden so sehr in Aufruhr versetzt wie der sexuelle Mißbrauch von Kindern. Pillen erörtert die Ausweitungen des Themas vor dem Hintergrund der komplexen Vorgänge des normativen Wandels unserer Gesellschaften. Hierarchisch-autoritäre Strukturen seien aufgelöst worden und machten einer Logik Platz, die sich im wesentlichen am Wert der Autonomie orientiert. Das „Dispositiv der Disziplin“ werde abgelöst durch das „Dispositiv der Autonomie“. Mit der Auflösung autoritärer Disziplinarstrukturen sind aber auch Bedingungen weggefallen, die Sicherheit, Stabilität und Struktur geben. Unter diesem Gesichtspunkt begreift Pillen den Diskurs um das Trauma als den Versuch, in einer von Flexibilisierungsanforderungen und Instabilitäten geprägten Welt eine Grenze zu markieren und eine moralische Handlungsorientierung zu geben.

 

Im dritten Beitrag „Viktor von Weizsäckers Briefe an Lou Andreas-Salomé als Spiegel einer biographischen Krise“ gab Peter Achilles (Saarbrücken) Einblick in den Briefwechsel (vollständiger Text mit Erläuterungen und Essay findet sich unter dem Titel „Die Stimme der Güte“ in: Sinn und Form, 64, 2012, Heft 5). Insgesamt wurden im Lou Andreas-Salome´ Archiv (Göttingen) sechs Briefe Viktor von Weizsäckers aufgefunden; er hatte sie 1931/32 nach der Lektüre ihres psychoanalytischen Vermächtnisses „Mein Dank an Freud“ (1931) an sie gerichtet. Diese Briefe belegen nach Achilles, daß Lou Andreas-Salomé eine, als solche bisher weitgehend übersehene, Pionierin der psychosomatischen Medizin war. Über diese ungewöhnliche und faszinierende Frau zitierte Achilles ein Bonmot von Poul Bjerre, der sie mit Freud bekannt gemacht hatte: Wenn ein Literat oder ein Wissenschaftler ihr begegne, bringe er nach neun Monaten ein Buch zur Welt. So sei es auch bei Weizsäcker der Fall gewesen, und es bestünde kein Zweifel, daß wichtige Einsichten und Begriffe der anthropologischen Medizin von Lou Andreas-Salomé angeregt wurden, so das sog. „Drehtürprinzip“ und das damit verbundene Konzept einer psychophysischen Komplementarität. Insbesondere gelang Weizsäcker im Kontakt mit ihr ein Durchbruch von den szientifischen Konzepten der Psychoanalyse zur biographischen Medizin. Dieser Durchbruch dokumentierte sich im Verständnis der Krankheitskrise, wie er sie in der während des Briefwechsel entstandenen Schrift „Körpergeschehen und Neurose“ (1933) beschrieb. Später hat Weizsäcker in „Natur und Geist“ seine Begegnung mit Lou Andreas-Salomé gewürdigt und ihr für ihre „Ermutigung“ gedankt, sofern er damals in einer „Zeit der Angst“ lebte. Ihr Buch „Mein Dank an Freud“ sei eines der besten über Freuds Denken, denn es zeige, „daß man das, was wahr ist an einer Lehre, auch in andere Sprachen übersetzen kann“. Weizsäcker schreibt: „Ihre Briefe und ihr Gedächtnis bewahre ich als eine der Kostbarkeiten meiner Erinnerung.“ - Abschließend stellte Achilles die Frage, ob nicht Weizsäckers Verständnis der biographischen Krise es ermögliche, einen schlicht kausal gedachten Traumabegriff zu modifizieren und zu differenzieren.

 

Der Deutsche Kongreß für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Jahre 2014 wird in Berlin stattfinden vom 26. bis 29. März 2014. Das Rahmenthema lautet: „Moderne Zeiten“. Die Vorstände des DKPM und des DGPM haben sich darauf verständigt, daß zukünftig der Jahreskongreß immer in Berlin stattfinden wird. Alle Mitglieder der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft sind eingeladen, sich mit Beiträgen zu beteiligen. Kongreßpräsident wird Prof. Dr. Stephan Zipfel (Tübingen) sein.

 

Hans Stoffels