Sprachen der Medizin

Sprachen der Medizin


Internationale interdisziplinäre Tagung der Viktor-von-Weizsäcker-Gesellschaft in Kooperation mit dem Einstein-Forum  in Potsdam
vom 27. -  29. Oktober 2005.

Im preußisch-barock-romantischen Ambiente am Neuen Markt in Potsdam, dicht beim Ge-burtshaus Wilhelm von Humboldts, des großen Sprachwissenschaftlers und Humanisten, hat-ten sich Ärzte, Philosophen, Philologen, Psychologen, Sprach- und Kulturwissenschaftler getroffen, um über die Sprachen der Medizin, die Sprache und das Sprechen in der Medizin und die Sprache und das Gespräch als unerlässliche Mittel und Mittler der Medizin zu spre-chen.
Das Thema ist brisant und aktuell in einer Zeit, in der das für jegliche Heilkunde essentielle ärztliche Gespräch unter den Pressionen eines betriebswirtschaftlich vergewaltigten Gesundheitswesens zu versiegen droht. Können die neuen Erkenntnisse einer hermeneutischen, sprachanalytischen und narrativen Medizin die Arzt-Patienten-Beziehung und unsere diagnostischen wie therapeutischen Möglichkeiten wesentlich bereichern?


Viktor von Weizsäckers „anthropologische Medizin“ bot den für diese Fragestellung idealen Hinter- und Untergrund.

Nach Begrüßung und einführenden Worten durch Rüdiger Zill (Potsdam) und Hans Stoffels  (Berlin) hielt der Chirurg Bernd Hontschik aus Frankfurt am Main den Eröffnungs-Vortrag über „die verlorene Kunst des Heilens“. Bezugnehmend auf das Buch des international renommierten Kardiologen Bernhard Lown, beschäftigte sich Hontschik zunächst mit den unübersehbaren Mängeln des derzeitigen Medizinstudiums. Er forderte eine Reform hin zu einer mehr sprechenden Medizin. Arzt wie Patient verstünden jeweils die Sprache ihres Gegenüber nicht, das Zuhören und das Erkennen von Metaphern (Semiotik) seien unterentwickelt. Nach einer Kölner Studie werde schon nach durchschnittlich 15 Sekunden das ärztliche Gespräch vom Arzt unterbrochen und in eine bestimmte medizinische Begrifflichkeit gelenkt. Psychosomatik sei weniger als Spezialdisziplin zu fördern sondern vornehmlich als ein in allen medizinischen Disziplinen und in der Allgemeinmedizin integraler und selbstverständlicher Bestandteil ärztlichen Handelns und Denkens. Es sei eine „integrierte Medizin“ mit Semiotik, Psychosomatik und Systemtheorie von Nöten, wie sie Thure von Üexküll entwickelt habe. Nur so könne ein richtiges Grundverständnis vom Kranksein und die Kunst des Heilens gewonnen oder wiedergewonnen werden.

 


Wolfgang Riedel, Philologe aus Würzburg, sprach am andern Morgen in einer literatur- und medizingeschichtlichen Analyse zum Thema  „Die anthropologische Wende. Schiller und die Medizin“. Er gliederte sie in 5 Abschnitte:
1.  „Der Geist, der sich den Körper baut“. Riedel beschrieb, wie Friedrich Schiller anhand der Heldenfigur Wallensteins, die durch Realitätsverlust untergeht, die Stahlsche Konzeption von der Seelenherrschaft über den Körper verlässt unter dem Eindruck der Hallerschen Froschexperimente (Rückenmarksreizungen am dekapitierten Frosch) habe er sich der An-thropologie Lichtenbergs zuwendet.
2.  Die Anthropologie des jungen Arztes Schiller: Der Begriff Anthropologie sei in Deutsch-land erst im 18. Jahrhundert aufgekommen, z. B. habe Ernst Plattner sich um 1772 mit den  Leib-Seele-Beziehungen des Menschen beschäftigt. Es habe dann sowohl philosophische wie empiristische Grundkonzeptionen von Medizin gegeben. Trotz gegenteiliger Ansätze einer beginnenden empirischen Psychologie sei man davon ausgegangen, dass die Seele frei sei zu vernunftgemäßem Wollen und Handeln. Die damalige Physiologie sei aber überwiegend eine Neurophysiologie geworden, die zunehmend die „Psychologia ratio-nalis“ erschütterte und eine neue Anthropologie einleitete. Schillers medizinische Examensarbeit sei von den Lehrern zweimal zurückgewiesen worden und erst den dritten Entwurf habe man akzeptiert, weil er jetzt das Leib- Seele-Wechselspiel nicht mehr auf Spekulationen, sondern auf Empirie gründete und damit hinnahm, dass der Geist nicht völlig frei, sondern in die Körperfunktionen eingebunden sei. In seinen zur gleichen Zeit verfassten „Räubern“ wurde die Person des Franz Moor in einem instabilen Gleichgewicht sich befindend zwischen heller, rationaler Vernunft und dunklen Affekten dargestellt. Franz Moor sei nicht souverän allein von der Seele gesteuert. Autonomie bedeute eben auch: wichtig ist nicht das, was wir haben, sondern das, was wir erstreben.
3.  Schillers Theorie von der Seele bedeute den Abschied vom Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und ihre Rückverweisung in die Immanenz des Lebens.
4.  Schillers Anthropologische Ästhetik: Die Tatsache der sinnlichen Erkenntnis stand für Schiller im Gegensatz zur vernunftgemäßigen Erkenntnis. Gegen Kants Ethik und seine Kritik der Urteilskraft mit dem Herrschaftsanspruch der reinen Vernunft stehe das Gleich-gewicht und die Gleichwertigkeit von Körper und Seele, wobei erst die  Erfahrung des Schönen zum Glücklichsein führen könne. In der Ästhetik des Schönen und des Erhabenen entwickele sich die Abspaltung des Ich vom Materiellen, die „moralische Selbstentleibung“.
5.  Abschied von der Geschichtsphilosophie: Schiller sei zunehmend Realist geworden, die säkularisierte Heilsgeschichte lasse keine Vernunft mehr erkennen weder im 30-jährigen Krieg noch in der Französischen Revolution mit Guillotine und Barbarei. Im Namen der Vernunft entwickele sich der Mensch zur Bestie. Schillers Hoffnung habe sich auf die äs-thetische Erziehung des Menschen bezogen. Die Geschichte habe dabei einen offenen Ausgang.

 


Im nachfolgenden Vortrag wurden von Elisabeth Gülich (Universität Bielefeld) und Martin Schöndienst (Epilepsie-Zentrum Bethel) die Ergebnisse eines Forschungsprogramms vorge-stellt mit dem Titel: „Linguistische Gesprächsanalyse in Differentialdiagnostik und Therapie von Anfalls- und Angsterkrankungen“. Die Schwierigkeiten von Epilepsie- Kranken, ihre Auraerlebnisse in treffende Worte zu fassen, seien Anlass für das Projekt gewesen. Gibt es dabei erkrankungstypische „Sprachspiele“ (Wittgenstein)? Die linguistische Analyse der Transkripte der Spontansprache dieser Patienten ergab, dass sich epileptische Angstauren zu-verlässig von anderen Ängsten und Panikzuständen unterscheiden lassen. Ebenso gelang es, epileptische von psychogenen (dissoziativen) Anfällen sicher abzugrenzen. Diese differential-diagnostischen Möglichkeiten gewinnt man auch durch  aufmerksames, kenntnisreiches  Zuhören, womit nicht selten teuere diagnostische Hochleistungstechnik entbehrlich wird.

 


In einem der drei Symposien am Nachmittag wurde der linguistische Diskurs weiter vertieft. In einem anderen Symposium ging es um das Kind als sprechendes Subjekt. Die Fragestellung  wurde anhand der Problematik mit aufmerksamkeitsgestörten und hyperaktiven Kindern eingehend erörtert. Das dritte Symposium beschäftigte sich mit dem sehr aktuellen Thema: Narrativ basierte Medizin bei Viktor von Weizsäcker. Zunächst wurde in einem einleitenden Referat von Martin Konitzer der theologische Aspekt der Arzt-Patienten- Beziehung dargestellt mit Rückverweis auf die „augustinische Wende“ und Bezug zu M. Heidegger, H. Arendt, K. Jaspers und J. Ratzinger. Weizsäcker habe zwei Schwerpunkte betont: den „Arzt als Seelsorger“ und das „Subjekt in der Medizin“. Im „Gestaltkreis“ habe er versucht, die naturwissenschaftlichen und die subjektiven Implikationen von Medizin und Kranksein in Einklang zu bringen. Seine „pathischen Kategorien“ seien als wichtige Orientierungsmarker rein sprachlicher Natur, Krankheiten produzierten aussagekräftige „Sprachspiele“. Die das Subjekt ausschließende „Evidenz-basierte Medizin“ sei durch die  Subjekt-zentrierte narrativ basierte Medizin zu komplettieren. Die Evidenz-basierte Medizin könne Warum-Fragen nicht beantworten und wisse nicht, warum eine Krankheit gerade hier und gerade jetzt entsteht. Krankheit (Disease) und Kranksein (Illness) seien auch nach Weizsäcker zu unterscheiden. Kranksein sei eine Lebensform. Die Fallgeschichte einer Weiz-säckerschen Asthma-Patientin wurde gemeinsam mit dem Auditorium erörtert.
„Subjektivität“ sei im Übrigen ein unmittelbares Anliegen jedes Arztes und dürfe nicht in Ethik-Kommissionen abgedrängt werden.

 


Am Abend ging man über das Holperpflaster des Neuen Marktes in das altehrwürdige Gebäude des Einsteinforums. Dort wurde mit einer Präsentation der Abschluss der 10-bändigen Gesamt-Ausgabe des Weizsäckerschen Werkes gewürdigt. Eingeladen hatte der Suhrkamp-Verlag und die Weizsäcker-Gesellschaft. Von den Herausgebern waren anwesend die Herren Achilles und Janz sowie die Herren Rimpau und Schindler als Mitarbeiter. In Ansprachen von Thomas Spar, Suhrkamp-Verlag, von Dieter Janz und Walter Schindler wurde die Entstehungsgeschichte der Gesamtausgabe dargestellt und in ihrer Bedeutung für die moderne Medizin gewürdigt. Reden von Frau Cora Penselin, der Tochter Viktor von Weizsäckers, und Hans Stoffels, dem Vorsitzenden der Weizsäcker-Gesellschaft, beendeten die Veranstaltung.

Die Vorträge von zwei Gastreferentinnen aus London gilt es hervorzuheben: Deborah Kirklin sprach über „Medical Humanities in Medical Training“ und berichtete, dass Medical Humani-ties in Großbritannien selbstverständlicher Bestandteil des Medizinstudiums seien. Durch Einbeziehung von Themen aus Kunst, Literatur und Philosophie würden die Medizin-Studenten zu einem tieferen Verständnis der Arzt-Patient-Beziehung angehalten. Krankensein und Krankheitsbewältigung, nicht zuletzt auch der wichtige Begriff der Sterbebegleitung würden nicht nur aus medizinischem Blickwinkel betrachtet, was von den Studenten als sehr hilfreich erlebt werde. Monica Greco referierte zu „The Question of `Humanity´. Comparing Narrative- based Medicine and Anthropological Medicine“. Sie setzte sich mit den Fragen von Koexistenz und Kompatibilität der unterschiedlichen Perspektiven auseinander.

In einem Übersichts-Vortrag sprach Frau Gabriele Lucius-Hoene, Freiburg, über „Narrativität in der Psychotherapie“. Sie sprach von einer narrativen Wende in der Medizin, die seit mindestens  10 Jahren im Gange sei und explizierte die Grundzüge von Narrativität: Erzählen als Erkenntnisprinzip, Konstruktion vom Ereignis Welt und vom Selbst mit Hilfe von Sprache, die Erzählung als sprachlich-interaktiv gestalteter Text, die Rolle des Ich-Erzählers Patient. Es wurden die Einbettung des Narrativen in die Sprachphilosophie beschrieben, insbesondere in die Konzepte Wittgensteins und der anglo-amerikanischen Philosophie und schließlich die Bedeutung von narrativen Ansätzen für die Psychotherapie erläutert.

Ein psychosomatisch-psychotherapeutisches Übersichts-Referat von Gerd Rudolph, Heidel-berg reflektierte unter dem Thema: „Vom Befinden des Patienten zum Befund des Arztes“ die Bedeutung sprachlicher und nicht-sprachlicher Äußerungen des Kranken. Er betonte, dass im therapeutischen Gesprächsprozess vor allem die Frage des Patienten wesentlich sei, was sich ändern lasse und was nicht, was möglich sei und was unmöglich. Dies impliziere auch Fragen an den Therapeuten.

In der abschließenden Podiumsdiskussion kamen kontroverse Standpunkte zur Sprache. Welchen Stellenwert haben die religiösen Aspekte in der medizinischen Anthropologie Weizsäckers? Können die anthropologischen Konzepte bei der Bewältigung des Medizin-Alltags im Akutkrankenhaus hilfreich sein? Während Michael von Rad, München, sich skeptisch äußerte, unterstrich Thomas Reuster, Dresden, die Wichtigkeit einer hermeneutischen (also sprachlichen) Kompetenz im Arzt-Patient-Gespräch. Dieter Janz, Berlin, und Rainer Jacobi, Bonn, hoben die Bedeutung Viktor von Weizsäckers und seines Denkens gerade für die praktische Medizin hervor, insbesondere durch die „Einführung des Subjekts in die Medizin“ und das Konzept seiner „biografischen Methode“, sowie der Beto-nung der Arzt-Patienten-Beziehung „auf Gegenseitigkeit“.
Weizsäckers anthropologische Medizin könnte für die in Zukunft immer häufiger werdenden chronischen Erkrankungen eine unentbehrliche Grundlage bilden.

In Schlussworten zogen Hartwig Wiedebach, Potsdam, Rüdiger Zill, Potsdam, und Fabian Stoermer, Berlin, sowie Hans Stoffels, der Vorsitzende der Viktor-von-Weizsäcker- Gesell-schaft, positive Resümees und dankten allen Beteiligen für die erfolgreiche Tagung an diesem spätherbstlichen, sonnigen Potsdamer Wochenende.
Es bleibt zu hoffen, dass die Tagung dabei hilfreich war, für Sprache und Gespräch im medi-zinischen Alltag wieder mehr Raum zu schaffen und die Heilkunde menschlicher und empa-thischer zu gestalten.