Gelebtes und ungelebtes Leben

Zum 100. Geburtstag von Wilhelm Kütemeyer (1904 - 1972)

 

Ein Brief
Auf einem Briefbogen des „Physiologischen Instituts der Universität“ in Heidelberg, Akademiestraße 3, schrieb Viktor von Weizsäcker mit Datum vom 20. Mai 1946 einen Brief an einen seiner Schüler. Dieser Brief beginnt mit den Worten:
„Nun habe ich Ihren Vortrag auch gelesen. Es ist das schönste Geschenk, das ich zu meinem 60. Geburtstag erhalten habe. Ein solcher Beweis der Freundschaft ist kostbar. Er gibt mir auch den Gedanken ein, dass, wenn ich von der Bildfläche verschwinde, das was das wichtigste und schwerste war, eine direkte Fortsetzung hat.“

An wen war dieser Weizsäcker-Brief gerichtet? Wer hatte ihm das schönste Ge-burtstagsgeschenk gemacht, um welchen Vortrag handelte es sich?

Vor über 30 Jahren las mir der Adressat jenen Brief vor, der in manchen Passagen Züge eines Vermächtnisses trägt. Ich erinnere die besondere Atmosphäre, die beim Vorlesen entstand. Der Adressat - es war Wilhelm Kütemeyer - war sichtlich berührt von diesem Brief. Dies mag dem darin enthaltenen Auftrag geschuldet sein, aber gewiß mag auch die über das Lehrer-Schüler-Verhältnis hinausgehende Feststellung einer Freundschaft für Kütemeyer, der 18 Jahre jünger als Weizsäcker war, Grund besonderer Bewegtheit gewesen sein.

Wir können den Vortrag, auf den Weizsäcker Bezug nimmt, in einem bei Suhrkamp erschienenen Essayband Kütemeyers nachlesen. Der Vortrag hat das Thema „Wandlungen medizinischer Anthropologie“ und ist das Kernstück dieser Sammlung von insgesamt neun Aufsätzen und Vorträgen. Kütemeyer publizierte sie 1951 unter dem Buchtitel „Die Krankheit Europas. Beiträge zu einer Morphologie“ (1) . Es sind politisch-philosophisch-medizinische Essays. Sie stammen aus den Jahren 1945 bis 1950. Kütemeyer fügte jedem Essay eine Kurzgeschichte bei, eine knappe Falldarstellung, die Verstörung und Nachdenken provoziert.

Die Krankheit Europas
Alle Aufsätze kreisen um die Frage, wie Hitler und die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs möglich gewesen sind und was zu tun ist, um eine nahende weitere Katastrophe zu verhindern. Läßt sich das menschliche Antlitz aus seiner absoluten Unkenntlichkeit wiederherstellen? Das waren keine theoretischen Fragen. In jenen Jahren traf sich Kütemeyer auf Einladung seines Freundes Werner von Trott mit Politikern, Wissenschaftlern, Intellektuellen auf Gut Imshausen, um über die Gestaltung der deutschen Nachkriegsordnung aus dem Geist der antifaschistischen Widerstandsbewegung zu beraten. Der Kreis, dem auch Eugen Kogon, Walter Dirks, Alfred Andersch, Alfred Kantorowicz, Friedrich Georg Jünger, Ernst Niekisch, Carl-Friedrich von Weizsäcker, um einige zu nennen, angehörte, brach nach heftigen Kontroversen unter dem zunehmenden Spaltungsdruck der Alliierten auseinander (2). In der „Krankheit Europas“ faßte Kütemeyer seine Position nochmals zusammen.

Wer heute die Essays von Kütemeyer liest, wundert sich, daß dieser politische Schriftsteller, Arzt und Psychotherapeut in Vergessenheit geraten ist. Einige Positionen sind hochaktuell, von erstaunlicher Luzidität. Die Bestimmung dessen, was europäische Kultur und Zivilisation ausmacht, ist heute erneut zu einer Überlebensfrage geworden. Andere Positionen Kütemeyers, z.B. seine Hoffnung auf Sozialismus und Kommunismus, sind von der Geschichte zunächst widerlegt. Unwillkürlich stellt sich die Frage, ob Kütemeyer zu spät oder zu früh geboren wurde. Jedenfalls widersetzen sich seine Reflexionen stets den vorherrschenden ideologischen Strömungen. Immer gerät er zwischen die Stühle. Man kann ihn ihm wahrsten Sinne des Wortes als einen „konservativen Revolutionär“ bezeichnen.

Die Parteienlandschaft der Weimarer Republik ist ihm ein „vollendeter Anachronismus“ (3). Er fordert, Elemente des Christentums in den Grundstein des politischen Neubaus in Deutschland nach 1945 einzumauern und gleichzeitig entdeckt er das „europäische Antlitz“ Rußlands . Er reklamiert die „Durchdringung der Extreme“ und spricht von dem notwendigen Bündnis zwischen „rechten Christen“ und „linken Sozialisten“. Das Christentum könne von seinen entschiedensten Gegnern am meisten lernen. Dabei lehnt er die Idee eines „christlichen Sozialismus“ als kurzschlüssige Harmonisierung ab. Die Erfahrung der europäischen Widerstandsbewegungen gegen Hitler habe gezeigt, daß nicht der „Fortschritt“, sondern ganz andere Kräfte am besten gerüstet waren, nämlich Reste der Arbeiterschaft, der Kirche und des Adels (4). Eine der wichtigsten Formulierungen, die sich gegen den Geist der Aufklärung wendet, lautet:

„Der Aufstand der Masse, den der Geist fürchtet, ist die Tyrannei des Geistes, dem die Materie nicht folgt. Und der Krieg zwischen beiden ist der Widerstreit, in dem sich jede dieser Größen mit sich selbst befindet“(5).

Es geht Kütemeyer um die Zusammengehörigkeit des Getrennten. Die Trennung des Zusammengehörigen erscheint ihm als das fatale Kennzeichen der Moderne. Materielles und Geistiges, Gesellschaftsbild und Menschenbild sind zusammen zu denken und zu tun. „Wir müssen das Zusammengehörige an demselben Ort und zur selben Zeit erledigen und in den großen Sorgen, nämlich denen des Herzens, die kleinen, das sind die ‚der großen Welt’, wiedererkennen“ (6). Kütemeyer sieht Europa an einem Abgrund. Seine Prognosen sind alarmierend. „Der Geschichtsverlauf hat dabei die düstere Durchsichtigkeit einer antiken Familientragödie bekommen. So klein ist die Welt geworden. Doch sie kehrt im menschlichen Herzen wieder. Dessen Größe nimmt zu“ (7) . Sollte Europa dem von Henri Bergson formulierten „loi de dichotomie“ folgen, so könne dies nur in ein „loi de double frénesie“ münden.

Vor diesem Hintergrund analysiert Kütemeyer die moderne Medizin, die er in besonders augenfälliger Weise der neuzeitlichen Spaltung zwischen Natur und Geist unterworfen sieht. Ganz im Sinne Weizsäckers meint er in der Psychoanalyse, entgegen deren Selbstverständnis, eine Antithese, die sich der Moderne entzieht, zu erkennen. Er fordert die Psychoanalyse, die sich bisher nur mit dem Seelischen befaßt habe, auf, auch das Körperliche zu erforschen, also mit der Medizin überhaupt, insbesondere der inneren Medizin eine Beziehung aufzunehmen, damit eine Wendung zum Anthropologischen gelinge.

Der Schriftsteller und der „Sumpf“
Kütemeyer war erst auf einem Umweg zur Medizin gestoßen. Er hatte zunächst Philosophie und Geschichte studiert, u.a. bei Max Scheler in Köln. Ab 1929 trat er als Übersetzer und Herausgeber von Schriften von Sören Kierkegaard in Erscheinung. Er orientierte sich am Brenner-Kreis um Ludwig Ficker in Innsbruck, auch an der „Fackel“ von Karl Kraus.

Dann entschließt sich Kütemeyer, eine eigene Zeitschrift herauszugeben. Im Januar 1932 erscheint das erste Heft. Der Name der Zeitschrift benennt das Übel: „Der Sumpf“. Der ersten Ausgabe ist ein Zitat von Sören Kierkegaard vorangestellt, das auch in allen folgenden Heften zu finden ist:

„Die Schwierigkeit, mit der ich zu kämpfen habe, gleicht der Schwierigkeit, ein aufgefahrenes Schiff wieder loszubringen, wenn der Grund ringsum so lockerer Boden ist, daß jeder eingetriebene Pfahl haltlos nachgibt.“

Kütemeyer verfaßt den einleitenden und programmatischen Aufsatz „Der Einzelne und die Kirche“. Worum geht es ihm? Im Zentrum seines Aufsatzes steht die These, daß das Christentum durch die Christenheit verraten wurde. Der Aufsatz ist von einer Emotion getragen, die auch den heutigen Leser herausfordert. Es ist ein verbaler Feldzug, durchdrungen von einer Unbedingtheit, die Kompromisse verabscheut, auch bestimmt von der Verzweiflung dessen, der in seiner Seele tief verwundet ist angesichts des Zustands der Welt. Kütemeyer schreibt:

„Wenn alle Welt vornehm so tut als spielte das Geld keine Rolle und auf die Juden schimpft, um die Aufmerksamkeit von dem eigenen Kampf ums goldene Kalb abzulenken, dann ist es an der Zeit, die hohen Dinge dahintenlassend sich zu demütigen und vom Geld zu reden, dann kann ein Jude die Kritik der Vernunft, die das Wissen aufhob um dem Glauben Platz zu schaffen, vollenden, indem er sie durch die Kritik des Ökonomischen ersetzt. Wenn er so den Geist aufhebt, um der Materie Platz zu machen und den Geist in der Materie verschwinden läßt, wenn er sich von der großkrämerischen Wissenschaftelei um das Göttliche abwandte, um der Wirtschaft mit dem Irdischen gerecht zu werden, so hat er ... recht, auch wenn er in seiner Theorie sich selbst und seinem Gerechtigkeitsimpuls nicht gerecht wird“(8) .

Hellsichtig spricht Kütemeyer vom Nationalsozialismus, ohne ihn direkt beim Namen zu nennen, als das Heilmittel, das „schlimmer ist als die Krankheit“(9) . Kütemeyer war - gemeinsam mit seinem Freund Werner von Trott - am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung der KPD beigetreten. Als Autoren seiner Zeitschrift „Der Sumpf“ sind neben Werner von Trott Carl Dallago, Friedrich Punt zu nennen, auch Carl Röck und Werner Kraft. Von Joseph Leitgeb sind Spottgedichte auf Hitler und die NSDAP abgedruckt. Mit dem vierten Heft bricht die Erscheinungsreihe der Zeitschrift jäh ab. Blättern wir im letzten Heft, das Ende 1932 erschien, sind wir verblüfft über das Prophetische in den Aussagen der Autoren. So lautet der letzte Satz in einem Artikel von Carl Dallago: „So ist Schlimmes in Sicht, das einem wirklich zu denken gibt und einem Mann glauben macht, daß das Weltverderben naht“(10) . Auf den allerletzten Seiten des Heftes werden kommentarlos die Ergebnisse der Reichstagswahl vom Juli 1932 dargeboten gleichsam als vorwegnehmende Entschuldigung für das anbrechende Schweigen.

Die Wendung zur Medizin
Wilhelm Kütemeyer wurde kurz nach Hitlers Machtantritt inhaftiert, kam jedoch nach wenigen Tagen frei und entging durch glückliche Umstände der Einlieferung in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Noch 1933 zog er von Berlin in ein Dorf im Hochschwarzwald, inskribierte sich im Fach Medizin an der Universität Freiburg. Nach sechs Jahren legte er 1939 das Staatsexamen ab. Später hat Kütemeyer seine Entscheidung für die Medizin in einen größeren Zusammenhang gestellt. Was als reiner Reflex auf den Terror erschien, besaß eine innere Logik. Bei Kütemeyer heißt es:

„Als der Widerstand (gegen die deutsche Ehrlosigkeit, H.S.) immer wieder zum Scheitern verurteilt war, wurde klar, daß die Wandlung nur durch eine umfassende Operation zu erreichen war. Sie hatte in den ‚autonomen’ Sachbereichen der barbarisierten Zivilisation anzusetzen, in der Erziehung, in der Rechtsprechung, in der Wirtschaft, in der Kunst. Insbesondere war die Großmacht des modernen Geistes, die Wissenschaft, zu verwandeln und auf das rechte Maß zurückzuführen. In der Medizin bedeutet das eine Neuordnung des Verhältnisses zur Naturwissenschaft.“(11)

Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs suchte Kütemeyer Ernst Jünger auf. Es fand sich kein Ansatzpunkt für gemeinsames politisches Handeln. Ernst Jünger sprach von den „Strömen von Blut“, die fließen werden. Kütemeyer entschloß sich, seine ärztliche Ausbildung in Heidelberg bei Viktor von Weizsäcker fortzusetzen. Es war, als hätten die in der psychosomatisch-anthropologischen Schule bereitliegenden Aufgaben seit langem für Kütemeyer bereitgelegen. Mit großer Geschwindigkeit eignete er sich trotz Unterbrechungen durch Kriegsdienst als Rekrut, später als Militärarzt das neue Fachgebiet an. Dokument dieser Aneignung ist der 1946 gehaltene Vortrag „Wandlungen medizinischer Anthropologie, der von Weizsäcker begeistert aufgenommen wurde und Anlaß seines Dankesbriefes war.

An späterer Stelle des Briefes vom 20.05.1946 schreibt Weizsäcker an Kütemeyer: „Ich spreche davon, daß in Ihren Händen die Dinge bereits wieder eine neue Gestalt annehmen, die mich aufregt und fördert... Seitdem Freud schweigt, ist erst recht klar, daß die Entstehung der organischen Krankheit die dringlichste Frage geworden (ist). Durch ihn wissen wir ja auch: Die Entstehung, das bedeutet ja zugleich das Ziel. Es sind vier Wurzeln da: das Kosmische, das was Anatomie und Physiologie beitragen und was mit Tier und Pflanze gemeinsam ist, der Abstammungstypus und das individuelle Schicksal. Für jedes der vier müssen wir das psychische Äquivalent suchen. Unsere Unfähigkeit, das Organspezifische zu verstehen, kann zwei Gründe haben: entweder, daß wir die vier unvollständig oder ungehörig zusammensetzen; oder daß deren psychisches Äquivalent unerkannt bleibt. In jedem der Fälle gilt es, bis in die Region vorzudringen, in der das große Treffen stattfindet. Da ist denn freilich jetzt viel zu tun und der kleinste Beitrag ist willkommen.“

Die Organkrankheit und der Widerstand
Was Kütemeyer im Politischen versagt blieb, die grundlegende Veränderung der Verhältnisse, wurde für ihn Thema in der psychotherapeutischen Beziehung zum Kranken. Es ist für Kütemeyer bezeichnend, daß er sich selbst Ziele setzte, die bisher als unerreichbar galten. Er konzentrierte seine Bemühungen auf die Erforschung des individuellen Schicksals des Kranken, des Zusammenhangs zwischen Lebensschicksal und Krankheit und der Veränderung des Lebensschicksals in einer Weise, das die Krankheit, verstanden als organdestruierende Macht, ihren Einfluß verlor. Bewußt überschritt Kütemeyer den Rahmen des psychoanalytisch vorgegebenen psychotherapeutischen Dialogs. Er wollte den Beweis erbringen, daß nicht nur leichtere psychische Erkrankungen, die sogenannten Neurosen, im Rahmen einer kommunikativen Behandlung günstig zu beeinflussen sind. Ihm ging es um die schweren psychiatrischen und internistischen Leiden. Seine Dissertation erschien unter dem Titel „Körpergeschehen und Psychose“ 1953 bei Enke und handelt von dem psychotherapeutisch geprägten Umgang mit einem an einer depressiven Psychose Erkrankten (12). Weizsäcker, damals bereits emeritiert und selbst erkrankt, schrieb dazu ein Begleitwort. 1963 erschien das dritte Buch von Kütemeyer „Die Krankheit in ihrer Menschlichkeit. Zur Methode der Erschließung und Behandlung körperlicher Erkrankungen“(13) . Im Mittelpunkt des Buches stellte Kütemeyer zwei faszinierende Krankengeschichten. Die Falldarstellungen - es handelt sich um die Psychotherapie einer über 70jährigen Patientin mit schwerer Lungentuberkulose und um die Psychotherapie einer 40jährigen Frau, die an einer primär chronischen Polyarthritis litt - werden von theoretischen Auseinandersetzungen flankiert, in denen der me-thodische Ansatz erläutert wird.

Hatte Weizsäcker nicht zuletzt zur Vorbeugung von Allmachtsphantasien zwischen zwei Widerstandsformen bei der Psychotherapie von Organkranken unterschieden, einen „unüberwindbaren Widerstand“ (W1) von einem neurotischen „überwindbaren Wider-stand“ (W2), so stellte Kütemeyer das Postulat des unüberwindlichen Widerstandes in Frage. Weizsäcker hatte mit dem Postulat des unüberwindlichen Widerstandes der Tatsache Rechnung tragen wollen, daß es im Leben des Menschen Notwendiges, Irreparables, unabänderliche Verluste und nicht zuletzt den Tod gibt. Zwar konzedierte Weizsäcker, daß die Grenze zwischen unüberwindlichem und überwindlichem Widerstand verschieblich ist, ja, daß die Widerstandsformen sich ineinander verwandeln können, jedoch eine „restlose gegenseitige Verwandlung“ sei nicht möglich. Er verdeutlichte dies an zahlreichen Beispielen. Es zeigt sich, daß die Anerkennung des „Unüberwindlichen“ für das Individuum etwas Entlastendes beinhaltet.

Kütemeyer erörtert hingegen die Bedingungen, unter denen der „unüberwindliche Widerstand als mehr oder weniger überwindbar“ erwiesen werden könnte (14). Dabei entwickelt Kütemeyer die Idee eines vom Arzt und vom Patienten nicht zu überwindenden, sondern gemeinsam zu leistenden Widerstandes. Kütemeyer legt die Auffassung einer ökonomischen Beziehung zwischen beiden Widerstandsarten, dem zu überwindenden und dem zu leistenden Widerstand nahe: je stärker der eine, um so schwächer der andere und umgekehrt. Das bedeutet: je mehr es dem Kranken im Bereich sozialen Handelns gelingt, nein zu sagen, Konflikte auszutragen, Impulse aggressiver Abgrenzung zuzulassen, um so mehr kann er sich in der dyadischen Behandlungssituation dem therapeutischen Prozeß öffnen, um so geringer ist sein Widerstand gegen die therapeutische Methode und die Person des Arztes. Damit ist ein neues psychotherapeutisches Programm aufgestellt. Kütemeyer schreibt: „Das Maß seiner Überwindbarkeit (des krankhaften, zu überwindenden Widerstandes, H.S.) ist nicht zuletzt davon abhängig, wieweit der Widerstand, den der Patient leistet, unterstützt und genährt wird vom Arzt, von der Mitwelt, von gemeinschaftlichen und geschichtlichen Impulsen“(15) . Deshalb spricht Kütemeyer von einer „prinzipiellen Grenze der Psychotherapie“ in der Behandlung organischer Erkrankungen und meidet den Begriff „Psychotherapie“, da dieser die Möglichkeit der Ausgrenzung der leiblichen und sozialen Dimension nahelegt. Kütemeyer bevorzugt die Formulierung vom „therapeutischen Umgang von Arzt und Patient“.(16)

Konsequenz dieser Überlegungen war die methodische Einbeziehung der Angehörigen in den therapeutischen Prozeß. Aber auch die Person des Arztes wurde in neuner Weise gefordert. Nicht nur seine Einstellungen und Haltungen in der Psychotherapie standen zur Debatte, sondern auch sein berufliches und privates Umfeld. Er war aufgefordert, in der Therapie „mit seiner ganzen Existenz zu gestikulieren“, wie Kütemeyer gerne formulierte. Zeitlebens hoffte Kütemeyer auf die Gründung einer Mäeutengemeinschaft, eines Kreises gleichgesinnter psychotherapeutischer Ärzte, die sich gegenseitig fördern und stützen. Über eine Zeitlang gelang es, eine solche Gemeinschaft zu etablieren, die auch mit Publikationen an die Öffentlichkeit trat (vgl. Huebschmann 1952 (17), 1974 (18), Jacob 1967 (19), 1978 (20), Scheurlen E. 1959 (21), Schaeffer 1961 (22), Scheurlen H. 1962 (23). Später gingen seine Mitarbeiter eigene Wege, so daß Kütemeyer einsamer wurde, zumal die Universität der Etablierung eines eigenen, auf seine Arbeitsgruppe zugeschnittenen, anthropologisch orientierten Forschungsschwerpunktes nicht zustimmte. Der Austausch mit dem Psychiater von Baeyer, dem Physiologen Schäfer und dem Neurologen Vogel gab wichtige Anregungen, wohingegen die Beziehung zu den anderen Weizsäcker-Schülern (z.B. Alexander Mitscherlich, Paul Christian) konfliktbeladen blieb (24). In den letzten Jahren entwickelte sich ein intensiver Briefwechsel mit dem in New York lebenden Biochemiker Erwin Chargaff, mit dem Nationalökonom Eric Voegelin, der nach San Fransisco emigriert war, und dem Geschichtsforscher Siegfried Talheimer. Kütemeyer wollte diese drei hervorragenden Wissenschaftler zu einem Bündnis zusammenfassen, was jedoch mißlang.

Als Kütemeyer sich zuletzt auch dem Problem der kommunikativen Beeinflussung von Krebsleiden zuwandte und nach den Bedingungen ihrer psychosomatischen Behandlung fragte, konnte er nicht umhin, die konkrete Utopie solcher Behandlungen zu benennen: „Und es sieht so aus, wie wenn die in der Medizin durchaus üblichen Verhältnisse, wo ein Arzt in einer Klinik 30 Patienten zu versorgen hat, sich umkehren müßten und man ein therapeutisches Experimentierfeld schaffen müßte, wo 30 Ärzte in gediegenster Kommunikation untereinander einen Kranken behandelten, um bei der bösartigen Erkrankung den nötigen, aber auch möglichen Effekt zu erzielen. Das eben aber würde die Erfüllung der Forderung sein nach einem Krebsforschungsinstitut, wo alle dort tätigen Ärzte, einschließlich des Pflege- und Verwaltungspersonals, nach anthropologischer Methode arbeiten“ (25).

Das ungelebte Leben
Will man ein Fazit ziehen, so werden gewiß viele behaupten, daß Kütemeyers Weg, anthropologische Gedanken in die Medizin in der Nachfolge Weizsäckers hineinzutragen und das Weizsäcker’sche Werk fortzusetzen, gescheitert ist. Von dem, was er sich als Ziel gesetzt hat, sind wir weiter denn je entfernt. Er starb unversöhnt und nicht im Frieden mit der Welt. Vielleicht war gerade dies seine Bestimmung. Sein letzter Aufsatz, der unvollendet geblieben ist und in dem er das Scheitern selbst zum Thema gemacht hat, hat den Titel „Die Manipulierung der Person durch die Naturwissenschaft“. Die Geschichte lehrt, daß Niederlagen nicht stets zum Scheitern und Vergessenwerden führen. Das Verborgene und scheinbar Untergegangene können mächtiger sein als das, was sich auf den wissenschaftlichen Marktplätzen siegreich tummelt. Viele, die Kütemeyers Vorlesungen zur Integration von Innerer Medizin und Psychiatrie an der Universität Heidelberg hörten, konnten sich des Eindrucks nicht erwehren, einer prophetischen Gestalt zu lauschen. Kütemeyer hat die Zerrissenheit der Zeit auf sich genommen und sich den Extremen ausgesetzt. Eine Stelle in der späten Hymne „Patmos“ von Hölderlin hat er besonders geliebt:

„Drum da gehäuft sind rings.
Die Gipfel der Zeit,
Und die Liebsten nahewohnen, ermattend auf
Getrenntesten Bergen, So gib unschuldig Wasser,
Oh Fittiche, gib uns, treuesten Sinns
Hinüberzugehen und wiederzukehren.

Hans Stoffels

 

Anm.: Ich danke Frau Dr. Mechthilde Kütemeyer, Köln, für die Überlassung des Briefes von Viktor von Weizsäcker vom 20.05.1946 an Wilhelm Kütemeyer.

1 Wilhelm Kütemeyer, Die Krankheit Europas. Beiträge zu einer Morphologie. Suhrkamp, Berlin und Frankfut/M. 1951
2 Vgl. Wolfgang M. Schwiedrzik, Träume der ersten Stunde. Die Gesellschaft Imshausen. Siedler, Berlin 1991
3 Ebd., S. 240
4 Ebd., S. 240
5 Ebd., S. 274
6 Ebd., S. 259
7 Ebd., S. 259
8 Wilhelm Kütemeyer, Der Einzelne und die Kirche. In: Der Sumpf. Hrsg. von W. Kütemeyer. Heft 1 (1932), S. 16, Verlag ‚Der Sumpf’ Berlin
9 Ebd., S. 12
10 Carl Dallago, Die katholische Aktion. In: Der Sumpf, ebd. S. 49
11 Wilhelm Kütemeyer, Medizin und Naturwissenschaft als ärztliches Thema meines Lebens. In: Wegweiser in der Zeitwende, hrsg. von Elga Kern, Reinhardt, München/Basel 1955
12 Wilhelm Kütemeyer, Körpergeschehen und Psychose. Beiträge aus der allgemeinen Medizin. Enke, Stuttgart 1953
13 Wilhelm Kütemeyer, Die Krankheit in ihrer Menschlichkeit. Zur Methode der Erschließung und Behandlung kör-perlicher Erkrankungen. Vandenhoeck Ruprecht, Göttingen 1963
14 Ebd., S. 118
15 Ebd., S. 118
16 Siehe Hans Stoffels, Umgang mit dem Widerstand. Eine anthropologische Studie zur psychotherapeutischen Pra-xis. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1986
17 Heinrich Huebschmann, Psyche und Tuberkulose. Beiträge aus der allgemeinen Medizin. Enke, Stuttgart 1952
18 Heinrich Huebschmann, Krankheit - ein Körperstreik. Lebenskonflikte und ihre Bewältigung. Herder, Freiburg 1974
19 Wolfgang Jacob, Medizinische Anthropologie im 19. Jahrhundert (Mensch - Natur - Gesellschaft). Beitrag zu einer theoretischen Pathologie. Stuttgart 1967
20 Wolfgang Jacob, Kranksein und Krankheit. Anthropologische Grundlagen einer Theorie der Medizin. Hütig, Hei-delberg 1978
21 Ernst Scheuerlen, Beobachtungen über die Krise bei der Entstehung und im Verlauf innerer Erkrankungen, Disser-tation Heidelberg 1959
22 Fridtjof Schaeffer, Pathologische Treue als pathogenetisches Prinzip bei schweren körperlichen Erkrankungen, Der Nervenarzt 32 (1961) 447-454
23 Hans Scheuerlen, Über den Widerstand bei organischen Erkrankungen, Dissertation Heidelberg 1962
24 siehe Wilhelm Kütemeyer, Psychoanalyse der Geschichte? Zu Alexander Mitscherlichs Ideen über den Frieden. Ev. Kommentare 11 (1969) 662-664
25 Wilhelm Kütemeyer, Psychosoziale Aspekte des Karzinoms. Manuskript, Heidelberg 1965