Jahrestagung 2014

Jürgen Paul Schmidt (Heidelberg)

Pathologien des Lesens *

(Vortrag anlässlich der 20. Jahrestagung der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft, 23.-25. Oktober 2014, Heidelberg)

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Im Zentrum der Philologie steht das Lesen. Das festzustellen ist keine Platitude. Denn die Philologien sind drauf und dran, ihr Kerngeschäft aus den Augen zu verlieren. Offenbar hält man das Lesen für eine Selbstverständlichkeit, um deren Kultivierung man sich nicht weiter bemühen muß. Das Lesen wird als eine Fertigkeit betrachtet, die man in Kindesjahren erwirbt, in der Jugend entwickelt und mit Eintritt ins Erwachsenenalter soweit eingeübt hat, das sie als Grundlage für alle weiteren hermeneutischen An-strengungen hinreichen mag. Lesen kann im Prinzip jeder, Philologen können es – so sollte man meinen – besonders gut. Aber warum tun sie es dann so selten? Wie kann es sein, daß wir auf nationalen und internationalen Zusammenkünften der deutschen, angloamerikanischen, romanischen, slavischen und – leider zunehmend auch – griechischen und lateinischen Philologie in schier endlosen Vortrags- und Diskussionsschleifen über die Herkunft und Sozialisation privilegierter oder benachteiligter Lesergruppen belehrt, über die Nährung, Entstehung und Enttäuschung bestimmter Lesererwartungen instruiert und über den Einfluß rein mündlicher auf skripturale Kulturen umfassend ins Bild gesetzt werden, während es an wirklichen Lektüren fast ganz fehlt?1

Am Seminar für Klassische Philologie der Universität Heidelberg haben wir in nun bald fünfzehn Jahren Hunderte von mehr oder weniger gelehrten, mehr oder we-niger belesenen Menschen zu Vorträgen und Diskussionen empfangen. Wie wenige führten in ihrem Reisegepäck etwas mit, auf das wir, unsere neugierigen Studenten zumal, gehofft hatten: den Kern oder wenigstens Umriß einer interessanten, vielleicht sogar charakteristischen Lektüre! Viele Gäste mögen im Zweifel gewesen sein, ob es genüge, eine Probe ihrer Lesekunst vorzulegen, sie dachten schon an die Veredelung ihres Geschäfts, die nächste Stufe, den reifen Gedanken, die attraktive Erzählung und mühten sich, die Spur des Unfertigen, die Schlacken der Arbeit an der literarisch-rhetorischen Form zu verwischen, um so dem Verdacht zu entgehen, es fehle die These. Anderen war die Lektüre gleichsam die unfragliche Voraussetzung der mitgeteilten Befunde, wieder andere scheuten sich – als schämten sie sich der Schlichtheit des Handwerks –, das Besteck zu zeigen, das ihnen zu ihrer Einsicht verhalf.

Es gab aber auch Vortragsgäste, die die Texte, über die sie sprachen, erkennbar nicht oder nicht wirklich gelesen hatten. Ihre Expertise beruhte nicht auf der Erfahrung eines eigenen Durchgangs durch den Wald der Zeichen, bestenfalls auf flüchtiger Kenntnisnahme sattsam bekannter, literarhistorisch approbierter Inhalte der Literatur, mit denen sie nun ein seltsames Spiel begannen, indem sie sie mit bedeutender Geste von Hand zu Hand gleiten ließen und in der verblüffendsten Weise immer neu zusammenrückten, so daß bei ungeübten Betrachtern der Eindruck entstehen konnte, hier seien in neuer Lektüre neue Einsichten gewonnen.

Längst haben sich einflußreiche Gruppierungen, Schulen, gar neue disziplinäre Strömungen entwickelt, die die alte Praxis des Lesens mit dem didaktischen Typos der Bestimmungsübung zu verwechseln scheinen. Dieses schematische und jedenfalls stark rubrizierende Lesen ist auf die Auffindung von Ähnlichkeiten und motivisch-thematischen Korrespondenzen entweder – und das ist der gröbere Fall – zwischen Text- und realen Lebenswelten2 oder – das ist die gelehrtere Variante – zwischen dem je untersuchten Text und anderen Texten gerichtet.3 Es ist ein fröhliches Identifizieren und Wiedererkennen. Man bewegt sich im fremden Terrain als in einem eigenen. Nun mag man einwenden, das genau sei es, worauf es im Prozeß des philologischen Erkennens ankomme, daß man nämlich über die technischen Fähigkeiten verfüge, das Fremde sich anzueignen. Hatte nicht der Heidelberger Philologe August Böckh „im wundersamen Sommer 1809“4 hierfür die einprägsame Definition der Philologie als der „Erkenntnis des Erkannten“ geprägt? Nun, Böckh verstand sich auf etwas, auf das sich heute nicht mehr allzuviele verstehen: auf Diskretion. Seine Forderung war einerseits, „das Fremde als Eigenwerdendes zu reproduciren, so dass es nichts Aeusserliches bleibe“, andererseits – und diesen Zusatz vergißt man gern, weil er mit manchen liebgewonnenen Gewohnheiten unserer Tage konfligiert – „zugleich aber auch über diesem Reproducierten zu stehen, so dass man es, obgleich es ein eigenes geworden, dennoch wieder als ein Objectives gegenüber und ein Erkennen von dieser zu einem Ganzen formierten Erkenntnis des Erkannten habe, was dann dahin führen wird demselben in dem eigenen Denken seinen Platz anzuweisen und es mit dem Erkannten selbst auf gleiche Stufe zu stellen, was durch die Beurteilung überhaupt geschieht“.5

Diskretion […] ist die angenehme Folge einer Ordnung, die im Hause des Denkens herrscht. Genauer, sie ist eigentlich diese Ordnung, die so sehr als möglich darauf sieht, daß sich die zu erkennenden Dinge im Prozeß der Appropriation nicht ganz verlieren, sondern als wesentlich fremde erkennbar bleiben.

Diskretion ist, was unserem Lesen am meisten nottut. Bewegen wir uns in den Texten nicht wie Eroberer in einem fremden Land? Heldenstolz und selbstgewiß verbuchen sie, Fuß um Fuß ins Fremde ausgreifend, den Landgewinn. Und in dem Maße, wie sie aus dem bloßen Vorwärtsschreiten Mut und Zuversicht schöpfen können, ertauben sie für die Winke und Zeichen, die groben und die feinen Orientierungen, die ihnen die fremde Erde selber gibt. Eine andere Eroberung wäre es, den eigenen Kom-paß beiseite zu legen und stattdessen aufzumerken auf die feinen Spuren und Risse, die die Selbstorganisation des Textes an seiner planen Oberfläche zurückgelassen hat. Bevor wir noch den Sinn der Bilder und Begriffe verstehen, werden wir vielerlei zu bedenken haben, was den flüchtigen Eroberer, den schnellen Leser nicht beschwert: schon etwa gleich die Frage nach der eigentümlichen Betonung, die auf jedem Anfang liegt, wenn nun also jemand spricht, wo bisher Schweigen war. Dann die Frage nach dem allmählichen Aufbau der Rede aus der Nichtrede, der ja selbst den Gestus des räumlichen Ausgreifens beschreibt. Schauen wir denn, wenn wir lesen, nicht einem Sprechen zu, wie es sich in einen einstweilen ungewissen Raum hinein entwirft? Schauen wir nicht zu, wie der Text, dem Eroberer gleich, Platz greift, sich ausbreitet, Struktur bildet und, kaum daß er sich zu entfalten begonnen hat, schon mit sich selbst ins Gespräch kommt? Sich annotiert, kommentiert, berichtigt, verbessert, entwickelt, bald – umwegig, mäandernd – sich biegt und windet, bald sich rafft und strafft, dann und wann auch aus dem Gleis zu geraten droht, bald sich verspricht oder verbirgt, verleugnet, vergißt?

Es sind wirkliche Dramen, die wir versäumen, wenn wir lieber selbst erobern statt den Wörtern bei der weit größeren und jedenfalls bedeutenderen Eroberung des freien Raumes zuzusehen. Voll Ungeduld, den Gedanken, die Idee, das Thema des Textes zu erfassen, ignorieren wir gleich die frühesten, diskreten Hinweise auf das, was ich die Heautonomie, die Selbstbestimmung, genauer Eigengesetzlichkeit des Textes nenne.6 Philologie und Zeit, dieses Thema, das die brasilianische Latinistin Isabella Tardin Cardoso so klarsichtig als Aufgabe benannt hat,7 ist in seinem Reichtum noch zu entdecken. Warum sind wir so unsensibel geworden für die Zeitläufe, die Taktung, die Geschwindigkeiten der Texte? Warum hören wir nicht auf ihre Rhythmen, ihre Intonationen, ihre Zäsuren und Pausen? Warum sind wir so schnell, warum fliehen wir vor dem Text, warum bleiben wir nicht nur so manche Erklärung, sondern oft schon die angemessene Beschreibung schuldig, warum versäumen wir diese unerläßlichen Aufgaben der Philologie? Warum ist unser Lesen so lieblos?

Sie werden sich […] vielleicht schon eine ganze Weile lang fragen, was in aller Welt dieses mein hartnäckiges Kreisen um einen Begriff und eine Praxis des Lesens mit dem zu tun habe, was Sie hier alle in den letzten drei Tagen zusammengeführt hat: mit der Sache der anthropologischen Medizin oder medizinischen Anthropologie und im besonderen mit dem Oberthema Ihrer Tagung „Der kranke Mensch“. Ich habe mich das auch selbst gefragt und meinem freundlichen Gastgeber, Ihrem stellvertretenden Vorsitzenden Herrn Kollegen Jacobi, sein Werben um die philologische Expertise nicht leicht gemacht. Nicht weil ich seinen Punkt nicht verstünde, sondern weil ich glaube, daß die Philologien in der Verfassung, in der sie sich heute oft und gern präsentieren, denkbar ungeeignet sind, der altehrwürdigen Heilkunst gute und d.h. vor allem glaubwürdige Ratgeber zu sein. Ich will und kann in Ermangelung eigener Erfahrung mit der medizinischen Wissenschaft die Probleme, die es dort auf dem sensiblen Felde des Umgangs mit dem kranken Menschen und seiner Geschichte geben mag, nicht verharmlosen, glaube aber, daß die Philologie – selbstverschuldetermaßen – in eine ganz ähnliche Lage geraten ist, wie Sie sie für Ihr medizinisches Fachgebiet beschreiben. So erhoffe ich mir umgekehrt, die Philologie möchte in der aufmerksamen Befassung mit den Methoden der Medizin etwas von dem Ernst und der Demut vor den Gegenständen der Untersuchung zurückgewinnen, die sie in früheren Jahren ausgezeichnet hat.

Wenn ich in den letzten Jahren manche Beobachtung zu literaturtheoretischen Sachverhalten in Begriffe gekleidet habe, die entweder zum festen Repertoire der Medizin gehören (wie Anamnese und Ätiologie, Pathologie und Pathogenese8) oder den dort verfügbaren Termini nachgebildet sind (wie „Pathopoetik“),9 und wenn ich neuerdings unübersehbare Fehlentwicklungen in Gebrauch und Organisation zentraler geisteswissenschaftlicher Instrumente und Einrichtungen mit medizinischen Begriffen beschreibe,10 besagt dies an und für sich natürlich noch nichts für die Stichhaltigkeit der Parallele. Schon Thukydides, Plato und Aristoteles bedienten sich zur Erfassung, Beschreibung und Diagnostik gesellschaftlicher Zustände, aber auch kunsttheoretischer Problemlagen und Phänomene medizinischer Grundbegriffe. Und es ist nicht ganz leicht zu entscheiden, ob sie wirklich überzeugt waren, daß Kunst und Gesellschaft Teil eines klinischen Panoptikums und also medizinisch lesbar und vielleicht sogar therapierbar sein könnten oder ob die Reden vom kranken oder gesunden Körper nicht bloß die simplen Bilder einer versierten Didaktik waren.

Bei meinen Untersuchungen zu antiken Präfigurationen der modernen Hermeneutik bin ich früh auf die strukturelle Affinität literaturwissenschaftlich-philologischer und anatomisch-medizinischer Verfahren aufmerksam geworden. Hier, im Nachdenken über die wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen Ihres und meines Faches, kommen wir, wenn irgendwo, in ein Gespräch, das nicht bei bildlichen Anleihen und zufälligen Übereinstimmungen des Sprachgebrauchs stehenbleibt. Ich bin überzeugt, daß sich im vergleichenden Studium der Methoden der Erschließung der Text- und organischen Körper in Philologie und Medizin entscheiden wird, wie tief die Gemeinsamkeiten reichen.11 Als ich vor genau zehn Jahren in einem Strukturentwicklungspapier des Seminars für Klassische Philologie erstmals die Einrichtung eines „Max-Planck-Instituts für die Theorie der Philologie“ unter Einschluß aller beschreibenden und interpretierenden Wissenschaften, v.a. natürlich der Jura und der Medizin, forderte, war profundes Schweigen die Antwort der Universitätsoberen.

Aber das […] ist immer noch leichter zu verschmerzen als die notorische Indolenz, mit der Vertreter der eigenen Zunft über die unabweislich gewordene Auseinandersetzung mit den grassierenden Pathologien des Lesens hinweggehen. So nenne ich die Depravationen eines Leseverhaltens, das den Erhalt und die Pflege des Textkörpers (und beides geschieht nur im Lesen) nicht mehr als die vornehmste Aufgabe der Literaturwissenschaft ansieht. Diese Aberrationen der Aufmerksamkeit, ablesbar geworden schon an den Publikationslisten auch einflußreicher philologischer Zeitgenossen, sind nach meinem Verständnis der Geschichte Entwicklungen geschuldet, die sich am besten nach dem medizinischen Modell der Pathologie beschreiben lassen. Sie verstehen mich richtig: Es geht nicht darum, über die Anleihe beim medizinischen Sprachgebrauch den Leisten der Normativität ins philologische Geschäft hineinzuspannen; wir werden uns hüten, einseitige, reduktionistische Lektüren als krankhafte Mißbildungen zu beschreiben. Der Begriff der Fehlentwicklung ist aber doch sicher nicht zu stark gewählt, wenn Philologie ihren Gegenständen nur mehr in unterkomplexen, unfertigen, schematischen oder holzschnittartigen Lektüren begegnet. Wie rasch mischen sich in jede neue Lektüre die Eindrücke und Stimmungen anderer Lektüren. [Da möchte man mit dem verehrten Namensgeber Ihrer Gesellschaft ausrufen: „Ja, aber nicht so!“.12] Und wie leicht neigen wir dazu, unsere Assoziationen und Augenblicksideen für etwas zu halten, das dem Text selber eignet. Bitte mißverstehen Sie mich nicht! Dies ist kein Plädoyer für einen neuen, vielleicht gar empirischen Positivismus des Lesens oder etwa für eine Rückkehr zu alten Orthodoxien, betr. das „richtige“ Lesen, die kanonische Lektüre und dergleichen. Nein, im Kern kreist mein Anliegen um die Wahrung der Ansprüche des Textes. Es geht um die Erdung eines Geschehens, das sich nur zu oft weit vom corpus explanandum entfernt hat.

Den unverwandten Blick auf den Körper, in unserem Falle den Körper des Textes, können wir, wenn wir seine Notwendigkeit denn schon nicht mehr qua Ausübung unseres Faches verspüren, von den Ärzten wiedererlernen. Aber ich sehe schon: Wir können ihn von manchen Ärzten besser lernen als von anderen. Dazu müßten wir nur bereit sein, in der gleichen Weise, wie Viktor von Weizsäcker, wie Dieter Janz und ihre Schüler die Krankengeschichte, ihre Erzählung und Interpretation zu einem Schwerpunkt ihrer Untersuchung gemacht haben, unsererseits uns daran zu erinnern, daß der Körper des Textes nicht jeden Eingriff unbeschadet übersteht; dazu müßten wir eine neue Aufmerksamkeit auf das Zusammenspiel seiner Teile und Glieder, seiner Vermögen und Funktionen entwickeln. Dazu müßten wir auch der Geschichte lauschen, die der Text von seinem eigenen Zustandekommen erzählt. Jeder Text erzählt eine solche Geschichte.

Ich will mit einem knappen Beispiel schließen: In seinem vielleicht bekanntesten Epigramm hat der spätrepublikanische römische Dichter Catull das pathologische Problem, um das seine ganze Dichtung zu kreisen scheint, wie folgt zusammengefaßt:

Odi et amo. quare id faciam, fortasse requiris? nescio, sed fieri sentio et excrucior.

Ich hasse – und ich liebe. Warum ich das tue, fragst du vielleicht? Ich weiß es nicht. Aber daß es geschieht, fühle ich – und ich werde gemartert dabei.13

Die Interpretationsgeschichte dieses kurzen Textes ist lang. Es gibt hunderte von Übersetzungen und ebensoviele Deutungen. Ich habe ihnen kürzlich eine weitere hinzugefügt.14 Für unseren Zusammenhang relevant ist nun aber folgendes (und nach dieser Seite ist das vielbehandelte Epigramm merkwürdigerweise noch nie untersucht worden):

Hier spricht ein (wie wir in der Lateinischen Literaturwissenschaft sagen) ‚epigrammatisches Ich‘ zu einem unbestimmt bleibenden ‚Du‘ über ein zwiespältiges Tun, das sich in der zweiten Zeile als ein vom ‚Ich‘ (kognitiv) nicht zu begreifendes, aber umso empfindlicheres, das ‚Ich‘ am Ende zu zerreißen drohendes Leiden entpuppt.

Genauer: Hier eröffnet uns ein unbekannt bleibender Sprecher unvermittelt seinen unvermittelten Konflikt zweier Empfindungen. Die Frage nach dem Grund für den so konstatierten Zwiespalt delegiert das Ich an das besagte Du, das zunächst nichts weiter beschreibt als den Echoraum des einsamen Redners. Die Antwort gibt das Ich sich selbst: Nescio, ‚ich weiß es nicht‘, ist entschieden mehr als ein bloßes „Nein“. Indem es ein Wissen von den Gründen negiert, macht es den Weg frei für die Einsicht, daß, auch wer nach Gründen frage, sich an die gefühlte Evidenz eines Faktischen halten müsse. Sed markiert die Gegensetzung: nescio, sed … sentio. Es paßt zu dieser Akzentuierung, daß im Akt der Selbstdiagnose die Eigenbeteiligung des Ichs am Zustandekommen des Zwiespalts (die ja in der gedichteröffnenden Aussage Odi et amo und in der fingierten Frage des Dus noch deutlich herausgestrichen war) nicht länger markiert wird: „Ich fühle, daß es geschieht“. Wenn es also ein Ergebnis der Selbstanalyse gibt, dann ist es die doppelte Berichtigung: (1) Das Ich weiß es nicht, aber fühlt es. Und (2) es fühlt, daß es die zwiespältigen Empfindungen nicht so sehr vollziehe als erleide (fieri). Konsequenterweise rückt das Ich im letzten Wort erstmals in die passive Perspek-tive: excrucior.

Beschreibt das Gedicht so den Prozeß seiner Entmachtung im eigenen Hause? Auch wenn die sprachlichen Tatsachen diese Ansicht zu belegen scheinen, bleibt Vorsicht geboten. Bevor wir hierauf zurückkommen, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf ein paar Dinge lenken, die mir festzuhalten wichtig ist:
Das Gedicht (1.) gibt eine Szenerie. Wäre es reiner Ausdruck eines authentischen Schmerzes hätte es der Vermittlung über ein fragendes Du nicht bedurft.
Warum aber (2.) das Du? Das Gedicht gibt etwas zu Protokoll. Da muß etwas sein, das von der Selbstdiagnose des zerrissenen Menschen Kenntnis nimmt.
Das Gedicht lebt (3.) von der extremen, weil völlig unausgeglichenen Spannung zwischen der unvermittelten Nachaußenkehrung eines Innersten, nur dem Ich Zugänglichen: Odi et amo und seiner sofort folgenden Diskursivierung im (fingierten) Dialog, in der Selbstbefragung, in der Analyse.
Hinzu kommt (4.): Das Gedicht spricht nicht nur über die Gleichzeitigkeit extremer Empfindungen, es arbeitet auch mit den Extremen eines Spektrums von Gattungen literarischer Rede: der confessio (Bekenntnis, Geständnis), der epigrammatischen Sphragis, der Autobiographie einerseits, dem Dialog, dem Protokoll, der historischen Notiz andererseits.

Zwischen diesen Rede- und Gattungssplitttern entfaltet sich (5.) ein – ja, ich wür-de sagen – frivoles Spiel mit den gleichermaßen verfügbaren Registern von Intimität und sozialer Kontrolle. Frivol nenne ich das Verfahren des Dichters, weil es zugleich auf die Erschütterung und die Bewunderung seines Publikums berechnet ist: Erschüttern soll das Gedicht durch die Wucht des Auftakts, der etwas gänzlich Unerwartetes (aprosdóketon) und in dieser vertrackten Komplexität (oxýmoron) Unvorbereitetes vor den Leser hinstellt. Seine Bewunderung aber soll es erregen durch die Souveränität, mit der das Ich sich in ihm an der Analyse des Übelstands zu schaffen macht.

„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ Carl Schmitts Definition erweist sich auch am Falle des Catull als wahr. Sein epigrammatisches Ich gibt die Verfügung über seinen casus auch im Ausnahmezustand nicht preis. Genauer, es gibt seine Verfügung über die Krankenakte just durch die Markierung des Ausnahmezustands zu erkennen. Es spricht sich mit pointiertester Hellsicht über seine Verzweiflung aus, schafft sich selbst sein intervenierendes Du und schreitet dann zur schonungslosesten Selbstanalyse fort. Dieser Kranke braucht keinen Arzt. Die Medizin, die er sich selbst verschreibt, ist der Selbstversuch. Er setzt sich aus und gewinnt so das fast Unmögliche, einen Blick auf sich selbst. Anders gesagt: Er liest den Text seines zerrissenen Lebens, lauscht in den Abgrund seines Unglückes hinein und trotzt dem heillosen Zustande doch das Gesetz des dunklen Spieles ab, das um ihn herum und mit ihm geschieht.

Carmen 85 des Catull gibt das Musterbeispiel eines Lesens, das sich nicht pathologisch verkürzt, sondern in existentialen Dimensionen agiert. Es ist das „Ecce homo“ des kranken Menschen – als Künstlers. Im Lesen der „Krankheit“, die in ihm arbeitet, treibt er nicht zwar die Lösung, die Heilung, die Gesundheit hervor, skizziert aber doch in wenigen Strichen das Grundgesetz seiner epigrammatischen Kunst: Sie muß ganz, bis zum Äußersten, bis zur Zerreißung körperlich sein (medizinisch gesprochen: somatisieren, alles Seelisch-Geistige ins Körperliche wenden) und soll doch nie etwas preisgeben, das ihren Lesern den Zugriff auf anderes als die schlichten Bausteine der Sprache erlaubt. Es ist – so betrachtet – ein Witz, daß man Catull einen der Erfinder der Persönlichkeitsdichtung genannt hat. Sein Persönlichstes liegt dort, wo noch kein Wort gesagt oder gefallen ist, vor der Sprachgebung – im Raum, wo der poetische Souverän über den Ausnahmezustand entscheidet. Und dort, meine Damen und Herren, sollte es – mit aller Diskretion gesagt – auch bleiben.

 

 

  • Der folgende Text ist eine Erstveröffentlichung. Er knüpft an Positionen an, die in anderen Texten des Verfassers entwickelt wurden. Auf manche von ihnen wird, der freundlichen Bitte des Vorstandes der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft um kurze Vorstellung dieser Forschungen folgend, in den sonst knapp gehaltenen Fußnoten hingewiesen. Der Vortragscharakter wurde mit Bedacht beibehalten.  ↑ 
  1. Vgl. Verf., Die Flucht vor dem Text. Vom Augenblicksglück des Lesens und der Krise der Philologie, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. 09. 2010.  ↑ 
  2. Siehe Verf., Hermeneutik und Krieg, in: Philologie des Lebens 1911 Philologie des Todes, in: E. Hoppe, Mathematik und Astronomie im klassischen Altertum, Bd. 1, hrsg. u. eingeleitet vom Verf., Heidelberg 2011, ²2013, S. 5-60, dort S. 13-16.  ↑ 
  3. Siehe Verf., Blinde Mimesis. Über Ordo und Kontingenz in der lateinischen Traditionsbildung, in: Dictynna. Revue de poétique latine 1, 2004, S. 1-18.  ↑ 
  4. Siehe Verf., Im wundersamen Sommer 1809. Noch bevor die deutschen Universitäten sich neu erfinden, rechtfertigt August Böckh in Heidelberg die Philologie neu, in: Süddeutsche Zeitung vom 18. 12. 2009.  ↑ 
  5. A. Böckh, Encyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften, Leipzig 1877, ²1886, S. 20. Zur Exegese und Kritik der Böckh’schen Formel siehe Verf., Der Name der Philologie, in: August Boeckh. Philologie, Hermeneutik und Wissenschaftspolitik, hrsg. v. C. Hackel u. S. Seifert, Berlin 2013, S. 273-279, u. Verf., Über das philologische Erkennen / Sobre o conhecimento filológico, in: I. Tardin Cardoso/Verf. (Hrsg.), Wörter für eine Theorie der Philologie / Palavras para uma teoria da filologia, Heidelberg 2015.  ↑ 
  6. Vgl. Verf., Fragmente zu einer Theorie der Lyrik, in: Antike – Lyrik – Heute. Griechisch-römisches Altertum in Gedichten von der Moderne bis zur Gegenwart, hrsg. v. K. Bremer, S. Elit u. F. Reents, Remscheid 2010, S. 51-62.  ↑ 
  7. Siehe demnächst I. Tardin Cardoso, Ephemerität / Efemeridade, in: Wörter für eine Theorie der Philologie (wie Anm. 5).  ↑ 
  8. Siehe zuletzt Verf., Ordo and Insanity. On the pathogenesis of Horace’s Ars poetica, in: Materiali e Discussioni 72, 2014, S. 197-216.  ↑ 
  9. Hierzu Verf., "Autonomes" Dichten in Rom? Die lex Catulli und die Sprache der literarischen Phantasie, in: Klassische Philologie inter disciplinas. Aktuelle Konzepte zu Gegenstand und Methode eines Grundlagenfaches, hrsg. v. Verf., Heidelberg 2002, S. 73-92.  ↑ 
  10. Zuletzt in der Glossen-Serie „Die Mitmacher. Zur Pathogenese der neuen deutschen Universität“, in: Tumult. Vierteljahresschrift für Konsensstörung, Teile 1-4 (Frühjahr, Sommer, Herbst 2014 u. Winter 2014/15).  ↑ 
  11. Siehe Verf., Über Genauigkeit, in: E. Hoppe, Mathematik und Astronomie im klassischen Altertum, Bd. 2, hrsg. v. Verf., Heidelberg 2012, S. 269-301, dort S. 293-296.  ↑ 
  12. Siehe R.-M.E. Jacobi, „Ja, aber nicht so“ – Das Erzählen der Krankengeschichte bei Viktor von Weizsäcker, in: Jahrbuch für Literatur und Medizin 3, 2009, S. 141-162.  ↑ 
  13. C. Valerii Catullli carmina, hrsg. v. R.A.B. Mynors, Oxford 1958. Die Übersetzung ist meine eigene. Es mag freilich sein, daß sie mit einer der unzähligen schon gedruckten Übersetzungen übereinstimmt.  ↑ 
  14. Siehe Verf., Über das philologische Erkennen (wie Anm. 5). Dort ist der Fokus der Interpretation – dem Erkenntnisinteresse der Untersuchung entsprechend – ein anderer.  ↑